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Zwischen Kleinbussen und resistenten Eliten

Von WZ-Korrespondentin Birgit Svensson

Analysen

Ägyptens neuer Präsident Mursi räumt bei seiner 100-Tage-Bilanz Schwächen ein.


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Kairo. Wie ein Rockstar wurde er gefeiert. Der neue ägyptische Präsident Mohammed Mursi füllte die Reihen des größten Stadions im Kairoer Bezirk Nassr City, wo er die Bilanz seiner ersten 100 Tage im Amt vor zehntausenden seiner Anhänger präsentierte. Im Anzug und ohne Krawatte sprach er im ägyptischen Dialekt. In einem Land, in dem knapp die Hälfte der 83 Millionen Einwohner weder lesen noch schreiben kann, wird Hocharabisch nur begrenzt verstanden. Mursi aber weiß, dass er vor allem bei den einfachen, ungebildeten Menschen ankommt. Wahlen werden in Ägypten auf dem Lande gewonnen, nicht in den Städten. Und dort sind die Muslimbrüder, aus deren Reihen Mursi stammt, am stärksten. Mit Bussen kamen sie nach Kairo, um dem ersten zivilen Präsidenten in der Geschichte zuzujubeln. "We love you Mursi" lautete der Schlachtruf im Stadion.

Von dem 64-Punkte-Plan zur Verbesserung der Lebenssituation, den er zu seiner Amtseinführung hatte, sei schon viel erreicht worden, sagte Mursi. Die Sicherheit sei zu 70 Prozent wieder hergestellt. Bei den anderen Schwerpunkten wie Verkehr, Müll, Brot und Treibstoff sei man nicht so gut vorangekommen. Diese Aufgaben bräuchten mehr Zeit.

Mursis Aufgabenliste liest sich zum Teil wie die eines Kleinstadtbürgermeisters und nicht wie die des Präsidenten eines Landes im Umbruch. So geht es etwa um Parkplätze für Minibusse oder ein besseres Ampelsystem. Zugleich werden aber auch Aufgaben thematisiert, die das Land emotionalisieren wie die Reform des verhassten Polizeiapparates und die Sicherung des Brot- und Benzin-Nachschubs. Für den mangelnden Fortschritt machte der Nachfolger des gestürzten Hosni Mubarak die Korruption verantwortlich: "Wir möchten, dass das aufhört." Allerdings gibt es nicht wenige, die bezweifeln, dass Mursi ohne eine radikale Veränderung in den Befehlsstrukturen und Hierarchien Erfolg haben wird. Bis jetzt hat der neue Präsident nur unwesentliche Personalentscheidungen vorgenommen, abgesehen von den hochrangigen Mitgliedern des Militärrats, die er kurzerhand in den Ruhestand schickte. Ihre Entmachtung gilt daher als das wohl prägendstes Element seiner ersten 100 Amtstage. Kaum jemand hätte es an jenem Tag, als die Militärs den frisch gewählten Präsidenten seinen Amtseid im Verfassungsgericht schwören ließen, für möglich gehalten, dass der mächtige Feldmarschall Hussein Tantawi ohne Widerstand abtreten werde. Der viel diskutierte Machtkampf zwischen dem Präsidenten und den Militärs ging zunächst zu seinen Gunsten aus. Trotzdem sind sich politische Beobachter einig, dass die Armee noch einige Überraschungen aus dem Hinterhalt zu bieten hat.