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Zwischen Mangel und Improvisation

Von Thomas Karny

Wissen
Friedensbotschaft: Olympia-Eröffnung am 29. Juli 1948 im Wembley-Stadion.
© Images

Die XIV. Olympischen Sommerspiele 1948 in London standen im Schatten der frühen Nachkriegsjahre, brachten aber auch zukunftsweisende Innovationen.


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2500 Tauben flatterten am 29. Juli 1948 aus dem frisch renovierten Londoner Wembley-Stadion gen Himmel und trugen ihre symbolische Friedensbotschaft in die Lüfte. Soeben waren vor 80.000 Zuschauern und König George VI. die Eröffnungsfeierlichkeiten zu den XIV. Olympischen Sommerspielen beendet worden und die letzten Töne der Hymne "Non Nobis, Domine" verklungen. Über 4000 Athletinnen und Athleten aus 59 Nationen waren gekommen, um entsprechend dem olympischen Ideal friedlich ihre Kräfte zu messen.

Zwölf Jahre zuvor hatte das nationalsozialistische Regime in Berlin die vermeintlichen "Spiele des Friedens" veranstaltet und wenig später Europa in einen verheerenden Krieg gestürzt, der weite Teile des Kontinents in Schutt in Asche legte. Nun sollten die ersten Olympischen Sommerspiele nach dem Zweiten Weltkrieg ein Zeichen der Verständigung unter den Völkern setzen. Die großen Kontrahenten des Krieges allerdings fehlten: Deutschland war - wie noch über viele Jahre von anderen großen internationalen Sportereignissen auch - von den Spielen ausgeschlossen, die Sowjetunion lehnte eine Teilnahme ab. Sie hatte fünf Wochen zuvor Westberlin abgeriegelt und damit für eine Eskalation in dem immer deutlicher werdenden "Kalten Krieg" gesorgt.

"Austerity Games"

Bereits für die Spiele 1944 - die kriegsbedingt ebenso entfallen waren wie jene, die für 1940 in Tokio geplant waren - als Veranstalter vorgesehen, erwies sich London nun als bemühter Gastgeber in kargen Zeiten. Einen ähnlichen Pomp wie Hitlers Propaganda-Spiele ließen die Umstände nicht einmal ansatzweise zu. Die englische Hauptstadt war vom Krieg noch schwer gezeichnet.

14.500 Tonnen Bomben hatten Industrieanlagen, Bahnhöfe, Straßen, Brücken sowie Hunderttausende Häuser zerstört und ein Viertel des Volksvermögens vernichtet. Drei Jahre nach Kriegsende mangelte es noch immer an Wohnraum, die Instandsetzung von Fabriken und Maschinen zog sich hin, die Handelsbilanz war schwer defizitär. Die Finanz-Unterstützung aus dem Marshall-Plan, die London seit Kurzem bezog, deckte bei Weitem nicht die enormen Kosten des Empire.

Die Labour-Regierung verfolgte das ehrgeizige Ziel, einen Wohlfahrtsstaat aufzubauen, verstaatlichte Strom, Gas, Telekommunikation, Eisenbahn und Luftfahrt, doch der strenge Winter 1946/47 und die mit der Unabhängigkeitserklärung Indiens einhergehende Währungskrise 1947 verschlimmerten die Situation dramatisch.

Während Unsummen in die Entwicklung einer eigenen Atombombe investiert wurden, fehlte das Geld für den Wiederaufbau der Infrastruktur. Lebensmittel waren ebenso rationiert wie Kleidung und Benzin. Das Volk darbte, die Begeisterung für die Sommerspiele war enden wollend.

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Es war denn auch eine ziemlich einsame Entscheidung gewesen, die der Präsident des Internationalen Olympischen Komitees, der Schwede Sigfrid Edström, Ende 1944 mit den führenden Vertretern der britischen Olympia-Vereinigung getroffen hatte, die Spiele in London abzuhalten und damit die anderen Kandidaten (Baltimore, Lausanne, Los Angeles, Minneapolis und Philadelphia) auszustechen. Weder die britische Regierung noch die Stadt London waren in die Entscheidungsfindung eingebunden, fügten sich aber nolens volens. Die Tories opponierten ebenso wie ein Teil der Presse gegen die Spiele, Labour wiederum sah in ihnen die Möglichkeit, London für zwei Wochen zu einem Hotspot der öffentlichen Wahrnehmung zu machen und mit den ausländischen Besuchern auch Devisen ins Land zu bringen. Schlussendlich machten sich Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens für die Spiele stark und begannen ehrenamtlich mit deren Organisation.

Dankbar nahm man ausländische Unterstützung an: Dänemark, Irland und die Niederlande spendeten Käse, Zucker und einhundert Tonnen Obst und Gemüse. Tausende Flaschen Mineralwasser kamen aus der Tschechoslowakei, Paprika und 20.000 Zitronen aus Ungarn. Um den Neid in der Bevölkerung nicht allzu sehr zu schüren, gestanden die Briten ihren eigenen Athleten Lebensmittel bloß in jenem Ausmaß zu, wie sie auch als Ration für Schwerarbeiter vorgesehen war. Den wohlhabenden US-Amerikanern hingegen mangelte es an nichts: 5000 Steaks hatte man importiert, regelmäßig wurde Nachschub an frischem Obst und Gemüse eingeflogen.

Als Unterkünfte wurden den Sportlern Kasernen, Schulen, Erholungsheime und Holzbaracken zur Verfügung gestellt. Man schlief in Mehrbettzimmern, Handtücher waren selbst mitzubringen. Viele hatten Teile ihrer Sportbekleidung ebenso aus eigener Tasche bezahlt wie die Festgarderobe, die sie bei der Eröffnung trugen. Selbst die 2500 Friedenstauben konnten nicht zur Gänze aus dem Inland bezogen, sondern mussten von ausländischen Brieftaubenzüchtern erbeten werden. Die Olympischen Sommerspiele 1948 gingen somit als "Austerity Games" in die Geschichte ein.

Große Leistungen

Fand die Eröffnung noch am heißesten Tag seit 37 Jahren statt, so hatten Veranstalter wie Athleten in der Folge mit meist schlechtem Wetter zu kämpfen. Die neu angelegte Aschenbahn war vom Regen bald aufgeweicht und matschig, die auf den Laufkurzstrecken erstmals eingesetzten Startblöcke erfüllten ihren Zweck nur bedingt.

Und doch waren es die Laufkonkurrenzen, die den größten Star dieser Sommerspiele hervorbrachten: Die Niederländerin Fanny Blankers-Koen, die mit mittlerweile 30 Jahren und als zweifache Mutter im 100- und 200-Meter-Lauf, über 80 Meter Hürden und in der 4-mal-100-Meter-Staffel jeweils Gold holte. Die "fliegende Hausfrau" wurde zum Liebling der Medien und der Zuschauer.

Für den Tschechoslowaken Emil Zátopek war London der Auftakt zu einer einzigartigen Karriere. Er gewann den 10.000-Meter-Lauf mit dem unglaublichen Vorsprung von 48 Sekunden und verfehlte die Goldmedaille über 5000 Meter gegen den Belgier Gaston Reiff um nur zwei Zehntelsekunden. Vier Jahre später wird Zátopek in Helsinki nicht nur den 10.000-Meter-Olympiasieg wiederholen, sondern auch über 5000 Meter und den Marathon gewinnen - ein bis heute nicht eingestellter Rekord. Im Schatten des Tschechoslowaken blieben die großartigen Leistungen des Algeriers Alain Mimoun beinahe ungewürdigt. Als Soldat der französischen Kolonialarmee nach einer Kriegsverletzung knapp einer Beinamputation entgangen, gewann er 1948 und 1952 auf den Langstrecken drei Silbermedaillen, in Melbourne 1956 lief er mit nunmehr 35 Jahren zum Olympiasieg über die Marathondistanz.

Für Furore sorgte Micheline Ostermeyer: Die französische Pianistin warf sowohl die Kugel als auch den Diskus zu olympischem Gold. Der Kalifornier Bob Mathias gewann mit gerade einmal 17 Jahren den Zehnkampf.

In der weitgehend unbekannten Biografie des französischen Schwimmers Alfred Nakache zeigen sich brutal die Bruchlinien der vergangenen Jahre. Er stellte zwei Weltrekorde und zwei Europarekorde auf, gewann 28 nationale Meistertitel und kam in Berlin 1936 mit der 4-mal-200-Meter-Staffel auf Platz vier.

Nun erreichte er in London über 200 Meter Brust das Halbfinale. Dazwischen schwamm er in Auschwitz heimlich im Löschbecken. Die Deutschen hatten den Schwimmstar jüdischer Abstammung 1944 ins KZ verschleppt und seine damals 28-jährige Frau und die zweijährige Tochter vergast. Nakache ist der einzige Sportler, der vor und nach einer KZ-Internierung an Olympischen Spielen teilnahm.

Aus österreichischer Sicht war der Auftritt von Herma Bauma von sporthistorischer Langzeitwirkung. Nach einer überstandenen Blutvergiftung, die sie sich wenige Wochen zuvor bei einer Mandeloperation zugezogen hatte, warf die Wienerin den Speer auf 45,57 Meter und damit zu olympischem Rekord. Es ist die bisher einzige heimische Goldmedaille, die in der Leichtathletik errungen werden konnte.

Kugelstoßerin Ine Schäffer, Kanutin Fritzi Schwingl und die Florettfechterin Ellen Müller-Preis, Olympiasiegerin von Los Angeles 1932, polierten die österreichische Medaillenbilanz mit dreimal Bronze auf. Damit belegte Österreich in der Nationenwertung immerhin den 21. Rang.

Es war das Bildungsideal des antiken Griechenland, geistige und körperliche Vollkommenheit zu vereinen, das Pierre de Coubertin, den Begründer der neuzeitlichen Olympischen Spiele, 1912 dazu veranlasst hatte, das Programm durch Kunstwettbewerbe zu erweitern. In London 1948 fanden diese allerdings zum letzten Mal statt. Und just bei den "Abschiedsspielen" schnitt Österreich hervorragend ab.

Medaille für Plakette

In der Kategorie "Baukunst/Architektonische Entwürfe" gab es einen Doppelsieg durch Alfred Hoch und Alfred Rinesch. Hochs "goldener" Entwurf einer "Skisprungschanze auf dem Cobenzl" sah eine 60-Meter-Schanze mit einer ähnlich einem Amphitheater angelegten Tribüne mit 25.000 Sitzplätzen vor. Realisiert wurde dieser Entwurf nie. Hoch zeichnete für zahlreiche Wiener Passagenbauten verantwortlich, am bekanntesten ist wohl die Opernpassage. Er plante nach 1945 außerdem die Kulturstätte Hörndlwald und das 1952 errichtete Unfallkrankenhaus Meidling. Mit der Silbermedaille wurde Alfred Rinesch für das "Wassersportzentrum in Kärnten" geehrt.

Nach der olympischen Goldmedaille in Amsterdam 1928 gewann Edwin Grienauer in London in der Kategorie "Bildhauerkunst/Medaillen und Plaketten" mit seiner "Plakette für den Rudersport" Bronze. Grienauers Schaffenswerk umfasst die Entwürfe etlicher 25- und 50-Schilling-Silbermünzen sowie der Wertseite der Ein-Schilling-Münze.

In derselben Kategorie wurde Oscar Thiede für seine "Acht Sportplaketten" mit der Silbermedaille ausgezeichnet. Das geringe Publikumsinteresse und das oftmals nur mittelmäßige Niveau der Einreichungen führten schlussendlich zur Einstellung der künstlerischen Wettbewerbe und wurden sukzessive durch kulturelle Rahmenprogramme ersetzt.

London 1948 war aber auch der Beginn für eine gänzlich neue Disziplin: den Behindertensport. Am Tag vor der Eröffnung der Sommerspiele führte der aus Deutschland emigrierte Neurologe Ludwig Guttmann in der von ihm geleiteten Rehabilitationsklinik in Stoke Mandeville erstmals Sportbewerbe für Kriegsinvalide durch. Der Bogenschützenwettbewerb von 16 Querschnittgelähmten war der Auftakt für die uns heute bekannten Paralympics.

Freilich so gut wie unter Ausschluss der Öffentlichkeit, denn die BBC sendete fast ausschließlich aus dem Wembley-Stadion: erstmals TV-Bilder - im Ausmaß von 60 Stunden. Und das erstmals live. Zeuge von diesem Anbruch eines neuen Medienzeitalters wurde übrigens ein erlauchter Kreis von gerade einmal 80.000 Fernsehbesitzern.

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Thomas Karny, geboren 1964, lebt als Sozialpädagoge, Autor und Journalist in Graz.