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Zwischen Pragmatismus und Idealismus

Von Fritz Reheis

Gastkommentare
Fritz Reheis ist außerplanmäßiger Professor, promovierter Soziologe und habilitierter Erziehungswissenschafter. Er Gymnasiallehrer für Sozialkunde, Deutsch, Geschichte und Philosophie sowie Hochschullehrer für Politische Bildung. Er ist Mitglied des Arbeitskreises Politische Ökonomie, der Deutschen Gesellschaft für Soziologie sowie Gründungs- und Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Zeitpolitik. Buchtipps: "Wo Marx Recht hat" (Darmstadt 2011) und "Die Resonanzstrategie" (München 2019).
© privat

Ein Vorschlag zur politischen Überbrückung aus zeitökologischer Perspektive.


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Der deutsche Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) brachte unlängst in der "Süddeutschen Zeitung" präzise auf den Punkt, worin die Kunst guter Politik im Kern besteht: "Die Not des Tages, und die Hoffnung, wie es danach weitergeht, die muss man zusammenbringen. Aber am Ende sollte die Hoffnung siegen."

Gute Politik darf vor lauter Dringlichkeiten die Strukturen nicht aus dem Blick verlieren, muss die kurzen und die langen Linien gleichermaßen ernst nehmen, die Kluft zwischen Pragmatismus und Idealismus überbrücken. Oder, wie linke Sozialdemokraten in den 1970ern zu sagen pflegten, sie muss einer Doppelstrategie aus kurzfristig wirksamen Reformen und langfristigem Umbau des Systems folgen.

Es geht also im Kern um einen klugen Umgang mit Zeit, genauer: mit ihren Horizonten. Im Grunde wie bei der Feuerwehr. Sie soll Brände schnell löschen und sich zugleich weit vorausschauend um den Brandschutz kümmern. Schnelligkeit und Nachhaltigkeit gehören zusammen. Nur so kann verhindert werden, dass neue Nöte schneller entstehen, als alte verschwinden - dass sich also alles, was wir zum Leben brauchen und uns lieb und teuer geworden ist, buchstäblich in Rauch auflöst.

Versagen bei den langen Linien

Klima- und Energiepolitik sind drastische Beispiele für das Versagen bei den langen Linien. Seit 50 Jahren warnen Wissenschafter vor der Klimakrise. Seit 30 Jahren veranstaltet die Politik Klimakonferenzen. Und jetzt auf einmal muss alles ganz schnell gehen: Schon 2040 soll Österreich klimaneutral sein. Jetzt auf einmal muss sich das Tempo der jährlichen Treibhausreduktion verdoppeln, jetzt auf einmal entdecken wir, dass Klimaschutz auch Kosten mit sich bringt, die viele überfordern. (Und jetzt, angesichts des auch mit Öl und Gas finanzierten russischen Kriegs in der Ukraine, müsste jeder begriffen haben, was eigentlich spätestens seit dem Golfkrieg von 1991 klar ist: Unsere Abhängigkeit vom Import fossiler Energie ist längst auch für den Weltfrieden brandgefährlich.)

Die schreiende Diskrepanz zwischen hektischer Geschäftigkeit angesichts der Not des Tages und weitgehender Tatenlosigkeit angesichts der Notwendigkeit des Umbaus der Strukturen legt nahe, die zeitliche Dimension der divergierenden Horizonte genauer unter die Lupe zu nehmen. Wie weit müssen Perspektiven eigentlich reichen, wie lang müssen Linien letztlich gezogen werden?

Dazu müssen wir den Blick auf den ganz langen Horizont richten. An ihm muss sich kurz- und langfristig wirksame Politik gleichermaßen bewähren. Konkreter: Die Linderung der aktuellen Not besteht in der Füllung der Gasspeicher für den nächsten Winter, der Umbau der Strukturen im Ersatz der nicht-erneuerbaren durch erneuerbare Energien. Hinter beidem steht die mit der Geburt des Menschen entstandene Aufgabe, sein Handeln mit den Grundlagen, die ihm die Natur zur Verfügung stellt, zu synchronisieren und mit diesen auszukommen.

Ökologische ist ohne soziale Nachhaltigkeit nicht denkbar

Nachhaltigkeit erfordert im Kern die Orientierung am Prinzip des Kreislaufs: nicht mehr Bäume fällen als nachwachsen, so die bekannte Grundformel. Nachhaltigkeit heißt Wiederholbarkeit. Nur Kreisläufe sind nachhaltig, Durchläufe nicht (exponentielle Veränderungen sind sogar brandgefährlich). Kurz- und mittelfristige Entwicklungen brauchen immer eine langfristig gewährleistete zyklische Grundlage. Es ist die "Wiederkehr des Ähnlichen" (Ludwig Klages), die die Natur selbst als Garant von Stabilität und Wandel erfunden hat. Die Wirtschaft des Menschen schließt sich an jene Kreisläufe an, die die Wirtschaft der Natur längst betreibt. Das ist der Kern dessen, was wir seit einigen Jahrzehnten ökologische Nachhaltigkeit nennen.

Aber ökologische ist ohne soziale Nachhaltigkeit nicht denkbar. Zum einen, weil die Hege und Pflege der Fruchtbarkeit der Natur ein verlässliches Verhältnis zwischen den Generationen erfordert. Zum anderen, weil die Verantwortung dafür auch innerhalb der Generationen fair verteilt sein muss. So wie die Natur gibt, der Mensch nimmt und die Gabe schließlich durch einen pfleglichen Umgang mit ihr erwidern sollte, so sollte er auch mit Seinesgleichen umgehen. Geben, Nehmen, Erwidern - dieser Dreiklang betrifft unser Verhältnis zur Natur und zu unseren Mitmenschen gleichermaßen.

Der Frieden mit der Natur ist ohne den Frieden mit dem Mitmenschen nicht zu haben. Und beides kann nur gelingen, wenn der Mensch auch mit sich selbst pfleglich umgeht. Dazu muss sein Eingreifen in die Welt mit dem Begreifen dessen einhergehen, was es bewirkt. Der Mensch muss sich als selbstwirksam erleben können, mit sich einigermaßen ins Reine kommen. Wie sonst sollte ihm ökologische und soziale Nachhaltigkeit zu einem persönlichen Anliegen werden? Auf diesen dreifachen Frieden mit Umwelt, Mitwelt und Innenwelt läuft es hinaus, wenn man Nachhaltigkeit als Wiederholbarkeit im Zeitverlauf begreift: als Regenerativität, Reziprozität und Reflexivität.

Damit wäre der Kompass für eine Politik definiert, die die Not des Tages und die Hoffnung auf strukturelle Transformation wirklich miteinander verbindet. Daran wären Energie-, Umwelt-, Wirtschafts-, Sozial-, Entwicklungs-, Bildungs- und Kulturpolitik gleichermaßen auszurichten (und natürlich auch die globale Friedenssicherung im engeren Sinn des Wortes). Statt beim Thema Nachhaltigkeit endlos die Verantwortung hin- und herzuschieben, sollte Politik bei der Definition von Werten und Normen, bei der Gestaltung von Institutionen und Instrumenten die Wiederholbarkeit und damit Kreislauftauglichkeit zum generellen Maßstab erheben: dass sich die Kräfte der Natur genauso wenig erschöpfen dürfen wie die des Menschen.

Eine an diesem Kompass ausgerichtete Politik könnte etwa dafür sorgen, dass Landwirte nicht nur für ihre Produkte, sondern zudem mit mindestens gleicher Entschiedenheit auch für ihre Beiträge zur Erhaltung und Förderung der Bodenfruchtbarkeit bezahlt werden, dass im wirtschaftlichen Austausch nicht nur der Stärkere Gewinne erzielt, sondern mit mindestens gleicher Entschiedenheit aus ihnen die nachholende Entwicklung Schwächerer finanziert wird, und dass Kinder und Jugendliche nicht nur als Humankapital behandelt, sondern mit mindestens gleicher Entschiedenheit in ihren kreativen Potenzialen umfassend gefördert werden. Soll die Hoffnung am Ende siegen, sich also als berechtigt erweisen, muss die Politik die Verhältnisse so gestalten, dass die Menschen zu einem Verhalten befähigt werden, das diesen Sieg möglich macht.