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Zwischen zukunftsorientierter Innovation und mittelalterlicher Engstirnigkeit

Von Thomas Hoffmann

Gastkommentare
© Adobe Stock/kikovic

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Im Jahr 2002 erklärte die UNO die Jahre 2005 bis 2014 zur "Weltdekade der Bildung für nachhaltige Entwicklung". Die diesbezüglichen Entwicklungen in Österreich sollen in diesem Beitrag beleuchtet werden. Das Ziel der Bildungsdekade bestand darin, das Bewusstsein zu stärken, dass das Verhalten jedes Menschen Auswirkungen auf die Lebensumstände vieler anderer Menschen in der ganzen Welt hat.

Nach dem Ende dieser UN-Dekade verabschiedete die Unesco einen Fahrplan ("Roadmap") zur konkreten Umsetzung eines weltweiten Aktionsprogramms für "Bildung für nachhaltige Entwicklung" (BNE). Dessen Zielsetzung ist "eine Welt, in der alle (. . .) die Werte, Verhaltensweisen und Lebensstile erlernen, die für eine nachhaltige Zukunft und für eine positive gesellschaftliche Transformation nötig sind". Dabei sei es entscheidend, "Bildung für nachhaltige Entwicklung ganzheitlich zu sehen und nicht nur Inhalte über nachhaltige Entwicklung zu vermitteln, sondern Nachhaltigkeit vorzuleben".

Diese Vision setzte für alle Nationen einen Maßstab, den jedes Land in seinem eigenen Bildungssystem umsetzen sollte. Auch Österreich griff die Vorgaben der UNO und der Unesco auf und entwickelte eine "Österreichische Strategie zur Bildung für nachhaltige Entwicklung" (ÖSBNE). Darin liest man unter anderem: "Mit der ÖSBNE soll der Bewusstseinswandel in Richtung Nachhaltigkeit unterstützt werden."

Überwindung von Defiziten in der schönen Theorie

Folgende Defizite sollen überwunden werden: "BNE wird vielfach als Umweltbildung wahrgenommen." Und: "BNE wird weniger als notwendiges ‚Neu-Denken‘ von Bildung, sondern allenfalls als ergänzendes oder zusätzliches Angebot verstanden." Zusammenfassend wird das zugrunde liegende Verständnis so formuliert: "BNE strebt eine umfassende, zukunftsfähige Ausrichtung der Bildung mit dem Ziel an, heutigen und künftigen Generationen ein friedliches, solidarisches Zusammenleben in Freiheit, Wohlstand und einer lebenswerten Umwelt zu ermöglichen. Grundlagen dafür sind humanistische Bildungsideale sowie die kritische Reflexion der Lebenswirklichkeiten und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen."

Gleichzeitig wurde der Wettbewerb "Best of Austria" gestartet. Betrachtet man die ausgezeichneten Projekte, so spiegeln diese aber eher noch die oben aufgeführten Defizite im Verständnis von BNE wider. Das soll keine Kritik oder Herabwertung der ausgezeichneten Projekte sein. Immerhin haben wir es hier mit einem Entwicklungsprozess aus kleinen Anfängen zu tun.

Deutliche Kritik muss aber an den Verantwortlichen geübt werden, wenn man erfährt, dass es in Österreich bereits seit Jahren sehr viel weiter fortgeschrittene Projekte gibt, ja, dass gerade in Österreich die vielleicht weltweit fortschrittlichste Schule im Sinne nachhaltiger Bildung existiert, die nicht nur österreichweit als Modellprojekt genutzt werden könnte, mit der Österreich sogar weltweit ungeahnte Akzente setzen könnte.

In dieser Schule leben und lernen die Kinder in kleinen Lerngruppen, die gemeinschaftlich ihren Tagesablauf selbst organisieren. Dadurch sind sie von Teamwork, gemeinsamen Entscheidungen, gegenseitiger Unterstützung und Vertrauen getragen. Friedliches kooperatives Arbeiten prägt ihren Alltag.

Die Lerninhalte werden hier nicht in klassische Schulfächer zerspalten, sondern thematisch aufbauend nach ganzheitlichen Gesichtspunkten geordnet. So können die Kinder selbst gleichzeitig Schüler und Lehrer sein. Denn wenn eine Lerngruppe sich ein Thema erarbeitet hat, gibt sie es an die nächste weiter.

Weiterhin wird den Kindern ein Umfeld mit vielen interessanten Impulsen geboten. Neben den Inhalten verschiedener Schulfächer sind dies das gesamte Spektrum eines angeschlossenen Bio-Arche-Bauernhofs mit gemeinschaftlicher biologischer Vollwert-Nahrungszubereitung, einem Pferdehof, einer Schreinerei, einer Medienwerkstatt, einem Orchester, einem Chor, Sport-Training und Intensiv-Workshops zu verschiedenen Themen. Interdisziplinarität und methodische Vielfalt werden dabei großgeschrieben.

Viele Stolpersteine in der rauen Praxis

Vor allem aber geht es hier um Nachhaltigkeit, die nicht als Schulfach gelehrt wird, sondern die Struktur der ganzen Institution ausmacht. Das Hauptfach dieser Schule, die "Herzensbildung", entwickelt über den Schulunterricht hinaus interdisziplinär das Bewusstsein der Kinder im Hinblick auf Ganzheitlichkeit, Multiperspektivität, christliche Werte, Respekt und Verständnis für andere Menschen und Kulturen, sowie Gerechtigkeit.

Damit werden durch diese Schule die pädagogischen Prinzipien der Unesco für BNE umgesetzt, wie sie in der ÖSBNE zitiert werden:

Interdisziplinarität;

Problemlösungsorientiertheit;

Werteorientiertheit;

Methodische Vielfalt;

Sensibilisierung für kulturelle Unterschiede;

Partizipation;

Lokale Relevanz.

Eine solche innovative Bildungseinrichtung sollte sicherlich die größte Unterstützung durch die Landes- und Bundespolitik erhalten. Denn in der ÖSBNE liest man: "BNE ist zudem zukunftsorientiert: Sie braucht Innovation, Forschung und Multiperspektivität." Es soll "der Weiterentwicklung des Bildungssystems besonderes Augenmerk" gewidmet werden und "Bildungsforschung und Innovation" initiiert werden. Und: "Es ist darauf zu achten, dass für interdisziplinäre Zusammenarbeit und für die Entwicklung, Erprobung und Evaluation geeigneter Lehr- und Lernformen Freiraum vorhanden ist."

In Wirklichkeit wurde die oben genannte Schule, die Weinbergschule in Seekirchen bei Salzburg, aber in den vergangenen drei Jahren einer beispiellosen Kampagne ausgesetzt, in der Medien, Landes- und Gemeindepolitik, Justiz, Schulbehörde, Baubehörde konzertiert alles Erdenkliche taten, um der Schule das Leben (und Lehren) schwer bis unmöglich zu machen. Da wurden verdrehte Sachverhalte in der Presse als Schreckenstatsachen der Öffentlichkeit vermittelt, Auseinandersetzung mit Werten (wie von der Unesco vorgegeben) als Sektenmachenschaften betitelt, Abweichungen von überkommenen Lehrmethoden als schwere Verstöße kritisiert, bestehende Räumlichkeiten im Hinblick auf die Schulbauverordnung bemängelt beziehungsweise ihre Nutzung untersagt, gleichzeitig aber Bauanträge zur Verbesserung der räumlichen Bedingungen anhand kleinkarierter Klauseln abgelehnt. Der Schule wurde anhand alter, für ein hundertjähriges Schulsystem entwickelter Normen und Verordnungen der Lehrbetrieb immer mehr verunmöglicht, anstatt sie zu "Innovationen zu ermutigen", "neue didaktische und methodische Ansätze zu entwickeln" und gemeinsam Bildung sich selbst weiterentwickeln zu lassen, wie es so vollmundig in der ÖSBNE heißt.

Schließlich kam der Schulinspektor so oft zu Besuch, dass die Kinder immer mehr Unwohlsein und sogar Angst bekamen. Zuletzt beschloss die Schule zum Schutz der ihr anvertrauten Kinder, ihren Betrieb zum Schuljahresende einzustellen. Doch auch das war den Schulbehörden in ihrem Bestreben, "der Weiterentwicklung des Bildungssystems besonderes Augenmerk" zu widmen, nicht genug. Sechs Wochen vor den Sommerferien kam der Schulinspektor ein letztes Mal (am Freitag um 11.30 Uhr) und teilte der Schulleitung und den Schülern mit, dass die Schule mit sofortiger Wirkung geschlossen sei und alle am Montag in eine neue Schule gehen müssten.

Was nicht passt,wird kaputtgemacht

Das Beispiel zeigt, was tatsächlich von den wohlformulierten Phrasen der ÖSBNE zu halten ist. Wie im dunkelsten Mittelalter wird das, was der Obrigkeit, Kirche und den Drahtziehern im Hintergrund nicht passt, einfach willkürlich kaputtgemacht, auch wenn es zum Wohle der Menschen für eine bessere Zukunft und hier sogar gemäß internationalen Richtlinien ist. Die "Gesetze" dafür sind immer schnell gefunden, denn die werden ja von denselben Kräften nach denselben Prinzipien gemacht. Eine kritische Reflexion der gesellschaftlichen Rahmenbedingungen oder gar eine gesellschaftliche Transformation, wie es die Unesco fordert, ist also offenbar auch heute nach wie vor nicht gewünscht.

Es ist übrigens wohl symptomatisch, wohin man geleitet wird, wenn man heute im Internet auf den Link www.bildungsdekade.at klickt: auf einen Webshop für Sportartikel. Das zeigt, welch "nachhaltigen" Stellenwert die Bildung für die Verantwortlichen hat, die die Internetadresse offenbar nach Ablauf der Bildungsdekade wieder verkauft haben, obwohl sie nach wie vor in den einschlägigen Informationsschriften zu dem Thema genannt wird. Das Thema war abgehakt und wohl auch gar nicht mehr erwünscht. Was wirklich zählt, ist der Kommerz.

Wie in Österreich die von der UNO ausgerufene "Bildung für nachhaltige Entwicklung" (nicht) umgesetzt wird.