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Zyprioten in der Warteschleife

Von Martyna Czarnowska aus Zypern

Europaarchiv

Präsidentenwahl am Sonntag ist richtungsweisend. | Wiedervereinigung gilt als Chance für Zyperns Wirtschaft. | Nikosia. Nein, über die Grenze könne er keinen Kunden führen. Giorgos hat keine Versicherung für die andere Seite der Stadt. Nicht für sein Taxi, dafür aber für sein Privatauto. Auf die andere Seite, in den Norden, fahre er nämlich nicht zum Arbeiten, sondern zum Spaßhaben, erzählt Giorgos. Immerhin gibt es dort Kasinos. Und die sind im Süden verboten.


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Giorgos lebt auf Zypern, einer Insel, die knapp so groß ist wie Kärnten. Das Land ist in zwei Hälften zerrissen, die Grenze aus Stacheldraht und Verschlägen schneidet sich mitten durch das Herz der Hauptstadt Nikosia. Seit dem Einmarsch türkischer Truppen als Reaktion auf einen griechischen Putschversuch 1974 leben im Süden Großteils griechische und im Norden türkische Zyprioten. Deren Staat wird nur von der Türkei anerkannt.

Dennoch hat die Präsidentenwahl, die am Sonntag im Norden stattfindet, mehr als nur lokale Bedeutung. Von ihrem Ausgang wird nämlich abhängen, wie die Verhandlungen über eine Wiedervereinigung der Insel fortgesetzt werden. 164.000 Wahlberechtigte sind zu den Urnen gerufen; um ihre Stimmen werben gleich sieben Kandidaten.

Der sozialdemokratische Amtsinhaber Mehmet Ali Talat könnte es schwer haben, wieder gewählt zu werden. Denn mit dem konservativen Kandidaten Dervis Eroglu ist ihm ein ernst zu nehmender Konkurrent erwachsen. Ihn unterstützen jene türkischen Zyprioten, deren Hoffnung auf eine baldige Lösung des Konflikts auf der Insel schwindet - und viele Türken, die aus dem Festland zugezogen sind. An die 47.000 von ihnen haben die Staatsbürgerschaft auf Zypern erhalten, noch einmal so viele arbeiten dort ohne zypriotischen Pass.

Wirtschaftliche Isolation

Talat verspricht eine Fortsetzung der Gespräche zur Wiedervereinigung, die er seit eineinhalb Jahren intensiv mit dem griechisch-zypriotischen Präsidenten Demetris Christofias - und unter Schirmherrschaft der Vereinten Nationen - führt. Zwar hat auch schon Eroglu deklariert, sich an den Verhandlungstisch setzen zu wollen. Doch liebäugelt er auch mit einer Stärkung des türkisch-zypriotischen Staatengebildes - was die Teilung der Insel zementieren würde.

"Es ist eine entscheidende Wahl", sagt denn auch die 24-jährige Studentin Esra. "Wollen wir eine Wiedervereinigung oder eine nicht anerkannte Türkische Republik Nordzypern?" Für die junge Frau ist klar, für wen sie stimmen wird: Talat. Nur der könne die Gespräche zu einem erfolgreichen Ende bringen.

Doch auch bei ihr ist die Ungeduld spürbar: "Wir warten, warten und warten auf eine Lösung." Wie 2004, als die Hoffnungen der türkischen Zyprioten auf eine Aufhebung der Isolation groß waren. Damals wurde ein Referendum zur Wiedervereinigung der Insel durchgeführt. Die türkischen Zyprioten stimmten mehrheitlich dafür; die griechischen aber dagegen. Als geteiltes Land, wo bis heute UN-Friedenssoldaten patrouillieren und Minenfelder geräumt werden, trat Zypern der Europäischen Union bei.

Das EU-Recht wird aber im Norden nicht angewandt; das wirtschaftliche Embargo gegen den Inselteil ist noch immer aufrecht. Es gibt keine Direktflüge dorthin und auch keinen direkten Handel. Die meisten Importe und Exporte gehen über die Türkei - die wiederum keine griechisch-zypriotischen Flugzeuge auf ihren Flughäfen landen lässt, was ihre Beitrittsverhandlungen mit der EU massiv behindert.

So ist Nordzypern von Ankara äußerst abhängig. An die 350 Millionen US-Dollar fließen jährlich aus der Türkei etwa in die Gehälter im öffentlichen Dienst, was noch vor sieben Jahren fast ein Viertel des Bruttoinlandsprodukts des Nordens ausmachte.

Bildung und Kasinos

Eine der wichtigsten Einnahmequellen ist ebenso mit der Türkei verbunden: die sechs Universitäten. "Wir haben rund 35.000 ausländische Studenten, und 90 Prozent von ihnen kommen aus der Türkei", erzählt Tahir Yesilada von der türkisch-zypriotischen Handelskammer. Die Einnahmen aus der Hochschulbildung - wie etwa Studiengebühren - können bis zu 800 Millionen Dollar im Jahr betragen. Sie sind laut Yesilada auch wichtiger als etwa die Gewinne, die der Staat aus dem Kasino-Tourismus lukriert, der sowohl griechische Zyprioten als auch Türken vom Festland anzieht. Mit den Kasinos kämen auch unerwünschte "Beiprodukte" wie Geldwäsche und ein schlechtes Image, erklärt Yesilada.

Für ein normales Funktionieren der Wirtschaft sei eine Lösung des Zypern-Konflikts jedenfalls nötig, findet der Ökonom. "Der Kuchen wäre dann größer - und das würde auch bei der Finanzierung der Wiedervereinigung helfen."

Ein Beispiel dafür liefert der Wirtschaftswissenschaftler Vedat Yorucu, der an der Eastern Mediterranean University unterrichtet. Er rechnet vor: Seit der Öffnung des Grenzübergangs an der Ledra-Straße - eines von sechs Übergängen - vor rund zwei Jahren seien dort fast 580.000 Menschen vom Süden in den Norden gekommen. Im Schnitt habe dabei jeder etwa 75 Dollar ausgegeben. "Durch die Öffnung eines einzigen Übergangs konnten wir 43 Millionen Dollar lukrieren", sagt Yorucu. "Wieviel mehr könnte es sein, wenn es gar keine Grenzen gäbe?"

Glocke neben Muezzin

Die Ledra-Straße liegt im Zentrum der Altstadt von Nikosia. Wer von ihrem einen Ende ans andere gehen will, braucht einen Pass. In der Mitte, hinter dem Grenzübergang, ändert sich so vieles: die Sprache, die Religion, die Währung, die Ländervorwahl beim Telefonieren. Auf der einen Seite wird mit Euro gezahlt, auf der anderen mit türkischen Lira, hier läuten Glocken, dort ruft der Muezzin zum Gebet. Auf beiden Seiten gleich - und weder in Griechenland noch in der Türkei üblich - ist lediglich, wie der Verkehr geregelt ist. Die Autofahrer fahren links: ein Überbleibsel aus den mehr als 80 Jahren britischer Kolonialherrschaft.

Immer ähnlicher werden einander mittlerweile die beiden Seiten der Ledra-Straße. Waren in den engen Gassen im Norden nach Einbruch der Dunkelheit kaum noch Menschen zu sehen, ist das Viertel nun in der Nacht beleuchtet und voller Imbissstände, Cafes oder Souvernirläden. An den niedrigen Tischen vor den Lokalen sitzen Jugendliche. Sie machen sich keine Gedanken darüber, ob sie einen türkischen oder griechischen Kaffee bestellen sollen, sondern bevorzugen Latte macchiato. Oder sie trinken den zypriotischen Treberschnaps, der auf beiden Seiten gleich heißt: Zivania.