Archiv: Leitartikel
- Angst bewegt Milliarden
In der Berichterstattung über das Börsegeschehen wird der Grund von Kursschwankungen gerne genau erklärt, so als ob "die Finanzmärkte" rationalen Vorgaben folgen und die dort Beschäftigten genau wissen, was sie tun.
- Weichmacher
Dank Wissenschaftsministerin Beatrix Karl kommt wieder Schwung in die Bildungsdebatte. Die Idee einer gemeinsamen Ausbildung bis zum 14. Lebensjahr ist zwar weder neu noch unbekannt (die angelsächsischen Länder leben problemlos damit), fordert aber die Strukturen heraus.
- Neuer Wille zur Naivität
Das Gute an unserer postmodernen Form von Politik bisher war, dass sie allem Erhabenen jegliches Pathos gründlich ausgetrieben hat. Allenfalls für kurze Momente naiver Selbstvergessenheit wurde diese Tatsache verdrängt - etwa bei der enthusiasmierenden Rhetorik des Präsidentschaftskandidaten Barack Obama. Als Präsident, der um jede Stimme im Kongress feilschen muss, klingen dieselben Parolen mittlerweile hohl und abgegriffen.
- Viele Fotos, ansonsten Stille
Sie seien eine der friedliebendsten Nationen, die er kenne, schrieb Henry Kissinger über die Thailänder in seinen Memoiren. Der Berater zahlreicher US-Präsidenten, ehemalige US-Außenminister und Friedensnobelpreisträger muss es wissen: Mit Krieg und Gewalt kennt sich Kissinger aus.
- Erste Schritte, großes Theater
Es bewegt sich etwas in Europa. Das ist zweifellos ein Fortschritt im Vergleich zur bisherigen Schockstarre, wenn es darum geht, den außer Kontrolle geratenen Finanzmärkten Zügel anzulegen.
- Verlustgefühle
Der Mensch sehnt sich nach Sicherheit, dafür ist er sogar bereit, ein Stück - mitunter sogar ein großes Stück - seiner Freiheit zu geben. Nun leben wir aber in einer Zeit geballter Unsicherheit.
- Zittern in Kärnten
Viel hat er nicht gebracht, der München-Besuch von Kärntens Landeshauptmann Gerhard Dörfler Anfang März dieses Jahres. "Mediale Stimmungsschwankungen" wollte er damit ausgleichen. Er tat dies mit der eindringlichen Beteuerung, "niemanden über den Tisch gezogen zu haben" beim Verkauf der Kärntner Hypo Alpe Adria.
- Die richtige Wahl
Es wird viel über Änderungen im Wahlrecht diskutiert, und - wie meist - bestimmt dabei der jeweilige Standort auch den Standpunkt. In Wien fordern VP, Grüne und Freiheitliche eine Reform, um die Begünstigung der Mehrheitspartei abzuschaffen. Im Bund wird das Gegenteil diskutiert: Das Verhältniswahlsystem durch ein Mehrheitswahlrecht zu ersetzen. Danach stellt die stärkste Partei auch die Regierung auf.
- Die Wende
Nach einer fast dreimonatigen Schockstarre haben sich Europas Regierungen endlich auf jenen Schutzschirm geeinigt, der den Finanzmärkten die Lust nahm, gegen den Euro anzukämpfen. Wenn das Hilfspaket, das am Wochenende aus dem Boden gestampft wurde, schon im März geschnürt worden wäre, hätte es etwa die Hälfte gekostet. Warum also so spät?
- Last Call
Die Worte der Euro-Regierungschefs waren deutlich nach ihrem abendlichen Zusammentreffen am Freitag. So etwas wie Griechenland dürfte nie wieder passieren, nun käme die lang erwartete gemeinsame Wirtschaftspolitik. Ob ihnen die skeptischen Märkte Glauben schenken, werden wir Montag wissen, wenn die Börsen wieder aufsperren.
- Schadet zu viel Offenheit?
Kann Offenheit zu weit gehen? Ist es möglich, dass wir die öffentliche Meinung zu oft messen? Ist die Menge wirklich klüger als Experten? Kann Transparenz auf Kosten der Steuerungsfähigkeit gehen?
- Klare Worte
Die Finanzmärkte sind gerade dabei, die europäische Politik in eine Richtung zu prügeln, die diese gar nicht einschlagen will. Doch es wird immer sichtbarer, dass die Eurozone insgesamt zum Spekulationsobjekt geworden ist. Mit hinunter gezogen werden Aktien weltweit.
- Britischer Stil
Am Donnerstag sind die Bürger Großbritanniens aufgerufen, ein neues Parlament zu wählen. Keine leichte Aufgabe mitten in einer tiefen Krise, die auch das lieb gewonnene Selbstbild der Briten arg in Mitleidenschaft gezogen hat.
- Gegen alle Regeln
Europa ist zu kostbar, um es seinen Gegnern - bewussten und unbewussten - zu überlassen. Dazu zählen nicht nur böse Finanzspekulanten, der Kreis der Übeltäter - sei es aus Inkompetenz, sei es aus Ignoranz oder auch aus falsch verstandenem guten Willen - ist sehr viel weiter gefasst.
- Europa, reloaded
Am Ende des Films "Alexis Sorbas" steht Anthony Quinn da, und nachdem die mit großen Mühen gebaute Seilbahn schon beim ersten Test einstürzte, sagte er- als sich Staub und Schock verzogen hatten - zu seinem Geldgeber: "Hast du jemals etwas so schön zusammenkrachen sehen?"
- Mehr Bewegung wäre gut
Die Wirtschaftskrise hat die Bemühungen Europas von mehreren Jahren, Jobs zu schaffen, wegrasiert. Dass in solchen Situationen die sozialdemokratischen Parteien verlieren, verwundert ein bisschen. Aber vielleicht haben sich diese Parteien ebenfalls zu lange dem Populismus hingegeben.
- Im Banne Chinas
China ist wild entschlossen, die übrige Welt nicht mehr aus seinem Bann zu entlassen. Wirtschaftlich ist aus dem Reich der Mitte längst ein Riese geworden, der dem Westen mit seinem Rohstoffhunger und seiner Wachstumsdynamik die Sinne betört; seine ungeheuren Devisenreserven rauben Finanzpolitikern den Schlaf; Afrika will sich am liebsten nur noch von ihm entwickeln lassen; selbst das gefährdete Taiwan erliegt nach und nach seinem Versprechen vom ewigen Wirtschaftswachstum.
- Schluss mit der Spekulation
Der Schwarze Dienstag für EU und Euro hat gezeigt: Der spekulative Handel auf jene Produkte, die unser Dasein bestimmen, muss so rasch wie möglich verboten werden. Zu diesem Dasein gehören Rohstoffe, auf deren Basis sich die Menschheit ernährt, und auch bewegt: Nahrung und Energie.
- Schnelles Geld
Die Veranlagung der niederösterreichischen Wohnbaugelder in recht riskante Papiere sorgt derzeit für heftige Verluste - fast eine Milliarde Euro. Die Geschäfte wurden zu einem Zeitpunkt abgeschlossen, als die Welt noch glaubte, die Finanzmärkte wären das Perpetuum mobile. Nun, die Welt ist um eine Erfahrung reicher, Niederösterreich deutlich ärmer geworden.
- Streit-Banausen
Auf manche Dinge kann man sich in Österreich so sicher verlassen wie auf das Amen im Gebet. Etwa auf Alibi-Reformdiskussionen, wenn die Wähler zeigen, dass sie mit dem Status quo unzufrieden sind. Wenigstens ist noch niemand auf die Idee verfallen, das Faktum einer 50-prozentigen Wahlbeteiligung als Ausdruck besonderer Zustimmung zu werten.
- Frust, die neue Großpartei
Heinz Fischer kann sich freuen, er wurde beeindruckend wiedergewählt. Wenigen Politikern passt dieses Amt so angegossen wie ihm. Dass die Wahlbeteiligung auf etwa 50 Prozent abgesackt ist, fuhr schon am Sonntagnachmittag allen in die Glieder. SPÖ, Grüne und FPÖ machten die Volkspartei dafür verantwortlich, weil diese erstens keinen eigenen Kandidaten aufgestellt und zweitens Funktionäre sagen lassen hatte, dass ungültig zu wählen auch ganz lustig sei . . .
- Die Odyssee
"Sage mir, Muse, die Taten des weit gewanderten Mannes. Welcher so weit geirrt, nach der heiligen Troja Zerstörung." Mit diesen Worten beginnt Homers Odyssee. Der griechische Regierungschef verpackte das Hilfsansuchen seines Landes in einen Vergleich: Die Griechen erwartet eine neue Odyssee - immerhin kennen sie den Weg nach Ithaka.
- Burka-Verbot
Kein Zweifel: Eine Frau mit Burka, die also ihren ganzen Körper verhüllt, verstört im mitteleuropäischen Straßenbild. Eine solche Frau zieht skeptische, sogar offen ablehnende Blicke auf sich. Und nicht wenige werten dieses islamische Kleidungsstück als patriarchalische Kampfansage an die Emanzipation und Gleichstellung der Frau.
- Unverschämt
Die rapide Steigerung der Staatsschulden weltweit macht den Experten des Währungsfonds (und in Österreich dem Rechnungshof) Sorgen. Mit Recht. Bevor an die Sanierung gegangen wird aber ein kurzer Rückblick. Das Beispiel Griechenland ausgeklammert, steigen die Staatsschulden wegen der Krise.
- Je einfacher, desto besser
Gemeinhin ist es ja so, dass die Bürohocker unserer arbeitsgeteilten Welt all die berufsmäßigen Wandervögel, die die Flughäfen dieser Welt wie ihre Westentasche kennen, neidisch beim Zwischenstopp am hauseigenen Schreibtisch begrüßen. Als nun aber, der Aschewolke geschuldet, zehntausende Handelsreisende an fremden Eilanden strandeten, dürften auch diese ihr Los des unsteten Umhereilens vorübergehend verflucht haben.