Niemand in den USA ist schwarz oder weiß. Das ist eine Lektion, die man dort schnell lernt. Das gilt aber nur, wenn man mit Weißen spricht.

Weiße Amerikaner, vor allem jene, die sich der liberalen Ecke zugehörig fühlen, sind schon längst in einer Gesellschaft angekommen, die sich damit brüstet, "post-racial" zu sein, also "post-rassisch". Das ist schön für die weißen und hochproblematisch für die schwarzen Amerikaner. "Wir denken nicht in Hautfarben", heißt es da in den liberalen Kreisen. Man wäre "color-blind", also farbenblind.

Wenn man als Europäer Schwarze auf ihr Leben als Schwarze in den USA anspricht, versinken die Weißen daneben aus Scham im Boden. Es gäbe keine Rasse. Das Wort "schwarz" dürfe man nie im Leben verwenden.

Weiße erfanden dafür immer mehr Worte, um nicht "schwarz" sagen zu müssen. Kenner der USA wissen, wo der Hammer hängt, wenn von der "innerstädtischen Bevölkerung" die Rede ist. Das Adjektiv dafür ist "urban": urbane Sprache, urbane Kleidung, urbanes Benehmen. Kann man durchaus auch als Synonym verwenden für "ungezogen", "unkultiviert". Das sind alles Codes für: afroamerikanisch. Niemand sieht mehr die Farbe, aber alle sehen die sozio-ökonomischen Umstände. Wer in den inneren Bezirken einer US-Stadt wohnt, ist weder gut situiert noch weiß. Aber das - so glauben noch viele US-Amerikaner - hat rein gar nichts mit der Ethnie zu tun. Die gemeinsame Religion in den USA ist schließlich der in allen Amerikanern fest verankerte Glaube, dass jeder seines Glückes Schmied ist. Wer keinen Erfolg hat, hat eben Pech gehabt oder nicht hart genug gearbeitet. Mit 1964 hätten sich doch alle Probleme erledigt: Damals wurde die Rassentrennung in den USA aufgehoben.

Aber für die Schwarzen haben sich die Probleme mitnichten erledigt. Es ist ein Teil der Bevölkerung, der sich in den 500 Jahren davor keinen Reichtum aufbauen konnte. Und der auch heute mit mehr Schwierigkeiten kämpft als die weißen Mitbürger. Davon zeugen Statistiken, die darlegen, dass Schwarze ungleich weniger Kredite bekommen und weniger Jobangebote.

Ein Quotensystem in den USA ist immer wieder ein bisschen in Teilbereichen eingeführt und dann wieder zurückgedrängt worden. Denn ein Quotensystem läuft der Religion zuwider, dass es jeder schaffen kann, wenn er oder sie es nur will.

Das Video von der Tötung des Afroamerikaners George Floyd zeigt eine andere Realität, die nicht zu negieren ist. Es existiert nämlich kein Video von einem Weißen, auf dessen Hals ein Polizist minutenlang kniet, als wäre es das Normalste der Welt.