Die Covid-19-Pandemie ist eine Tragödie massiven Ausmaßes. Wir hören oft, dass die Krankheit nicht diskriminiere, aber tatsächlich ist das Gegenteil der Fall: Ältere Menschen, Obdachlose und Menschen mit bestimmten Vorerkrankungen sind ebenso stärker gefährdet wie Frauen, da diese häufiger in Berufen mit direktem Virus-Kontakt arbeiten. Unter den Eindämmungsmaßnahmen gegen die Krankheit leiden Kinder besonders stark. Daher dürfen wir sie bei all unseren Aufbauplänen nicht vergessen, denn sie sollen nicht zu den stillen Opfern dieser Krise werden. Ihren Bedürfnissen, Rechten, Stimmen und Sorgen müssen wir den Platz einräumen, der ihnen zusteht.

Dubravka Šuica ist seit 1. Dezember 2019 Vizepräsidentin der EU-Kommission. - © EU-Kommission
Dubravka Šuica ist seit 1. Dezember 2019 Vizepräsidentin der EU-Kommission.
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Aufgrund von Ausgangssperren gehen weltweit etwa 1,5 Milliarden Kinder nicht in die Schule. Dank neuer Technologien können viele Kinder weiterhin lernen und miteinander in Verbindung bleiben. Doch auf Kinder wirken sich Kontaktbeschränkungen deutlich stärker aus als auf Erwachsene. Zukunftsängste und eine lange Trennung von Freundinnen und Freunden sind für viele Kinder eine enorme emotionale Belastung.

Didier Reynders ist seit 1. Dezember 2019 EU-Kommissar für Justiz und Rechtsstaatlichkeit. - © EU//Claudio Centonze
Didier Reynders ist seit 1. Dezember 2019 EU-Kommissar für Justiz und Rechtsstaatlichkeit. - © EU//Claudio Centonze

Ungleichheiten beim Zugang zu Bildung

Die Umstellung auf Heimunterricht und Online-Bildung hat auch deutlich gemacht, mit welchen Ungleichheiten Kinder aus benachteiligten Familien beim Zugang zu Bildung kämpfen: Eltern oder Betreuungspersonen sind nicht immer in der Lage, bei Hausaufgaben zu helfen, und oft fehlt schlicht die technische Ausrüstung oder ein Internetzugang. Da das Lernen aus der Ferne für absehbare Zeit die Regel bleiben könnte, muss unbedingt ein gleichberechtigter und freier Zugang zu qualitätsvoller digitaler Bildung geschaffen werden. Bildungsprogramme im öffentlichen Fernsehen müssen verstärkt gefördert werden.

Viele Kinder haben mehr Zeit im Internet verbracht als sonst – und das oft unbeaufsichtigt. Das macht sie anfälliger für Gefahren, die online lauern. Wir müssen sicherstellen, dass Kinder solche Online-Gefahren erkennen und sich davor schützen können. Eltern und Lehrkräfte müssen beim Thema Sicherheit unterstützt werden, auch im Hinblick auf die neuen Bildungstechnologien.

Noch weniger Unterstützung und Sozialleistungen

Für Kinder, die ohnehin in prekären sozialen Verhältnissen leben, ist der Zugang zu Unterstützung und Sozialleistungen weiter eingeschränkt worden. Ihr Armutsrisiko hat sich dagegen erhöht, denn die Einkommen ihrer Eltern sind von den wirtschaftlichen Folgen der Krise betroffen. Häusliche Gewalt ist gestiegen, worunter Kinder und Frauen am meisten leiden. Wie im EU-Recht vorgesehen, hat jeder EU-Mitgliedstaat eine Hotline für vermisste Kinder (Tel. 116 000) und eine Kinder-Helpline (fast überall Tel. 116 111) eingerichtet. Gerade in diesen Zeiten müssen solche Dienste ausreichend unterstützt, finanziert und allen zugänglich gemacht werden. Auch für die physische und psychische Gesundheit von Kindern muss mit Beratungs- und Unterstützungsangeboten gesorgt werden. Viele Pflegekinder konnten ihre Familien wochenlang nicht sehen oder wurden ohne ausreichende Unterstützung nach Hause zurückgeschickt. Kinder in Jugendstrafanstalten kämpfen mit ähnlichen Herausforderungen. Wir brauchen in dieser Krise ein kinderfreundliches und krisenfestes Justizsystem.

Aus allen diesen Gründen müssen unsere Krisenreaktions- und Aufbaupläne eine starke kinderrechtliche Dimension umfassen. Die Wiederherstellung unseres sozialen Gefüges und die Weichenstellung für eine bessere Zukunft für unsere Kinder und künftige Generationen ist das Herzstück des Sanierungspakets der Europäischen Kommission. Wir schlagen darin unter anderem vor, Mittel für die Bekämpfung von Kinderarmut zu vergeben. Die Kommission wird eine europäische Kompetenzagenda und einen aktualisierten Aktionsplan für digitale Bildung vorlegen, der auch die digitalen Kompetenzen von Kindern einschließt. Die Kommission wird 2021 auch eine Europäische Kindergarantie vorschlagen, um sicherzustellen, dass alle Kinder Zugang zu grundlegenden Dienstleistungen wie Gesundheit und Bildung haben.

Neue, umfassende EU-Strategie

Wir müssen auf Kinder und Jugendliche zugehen, um zu verstehen, was sie in dieser Pandemie wirklich durchmachen. Nur so können wir die richtigen Schritte setzen, um sie so gut wie möglich zu unterstützen. Die EU-Kommission arbeitet dafür an einer neuen, umfassenden EU-Strategie für Kinderrechte, die Anfang 2021 angenommen werden soll.

Kinder sind unsere Zukunft, doch im Hier und Jetzt sind sie auch Individuen mit eigenen Rechten. Es ist unsere Pflicht, sie zu schützen und miteinzubeziehen.