Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht - aber so zerrissen wie dieser Tage habe ich mich in meinem Leben selten gefühlt. "Eine Krise besteht darin", fällt mir dazu ein Zitat des italienischen Schriftstellers Antonio Gramsci ein, "dass das Alte stirbt und das Neue nicht geboren werden kann." Das war einst hoch politisch gemeint, erstreckt sich aber inzwischen in so ziemlich jeden Lebensbereich. Erst recht in den Alltag eines Technikkolumnisten.

Walter Gröbchen ist Label-Betreiber (www.monkeymusic.at), Musikverleger und Autor in Wien. Mehr Kommentare und Kolumnen auf seinem Blog groebchen.wordpress.com
Walter Gröbchen ist Label-Betreiber (www.monkeymusic.at), Musikverleger und Autor in Wien. Mehr Kommentare und Kolumnen auf seinem Blog groebchen.wordpress.com

Um die Situation zu verdeutlichen: ich habe, bevor ich diese Zeilen tippte, einen kurzen Mail-Verkehr zu zwei Testautos geführt. Es zählt zu den Privilegien eines Journalisten, recht unkompliziert aktuelle Fahrzeuge ordern und ausprobieren zu können. Übernahme der Benzin- oder Stromkosten inklusive. Für die Automobilhersteller fällt die Rechnung in der Regel äußerst günstig aus: das ist glaubwürdiges Marketing, das Produkt spricht für sich selbst, hübscht verbrämt von fremder Feder. Und sollte doch da und dort eine kritische Anmerkung auftauchen, kann man daraus allerhand Schlüsse ziehen - und die Details nonchalant der Entwicklungsabteilung weiterreichen.

Allerdings wird, wage ich zu behaupten, die Nachdenklichkeit auf der Gegenseite größer und größer. Als ich etwa neulich einen Essay in einer meiner Lieblingszeitschriften, der "Autorevue" (die ja alles andere ist als ein banales Motorfetischisten-Zentralorgan), las, trug der die Unterzeile "Jetzt ist der letztmögliche Moment, um uns von dem, woran wir einst glaubten, in Würde zu verabschieden". Mir stockte das Herz. Kippte nun David Staretz, der Autor, die heilige Blechskulptur, das Sinnbild des 20. Jahrhunderts, vom Sockel der Industriegeschichte? Es ging dann "nur", wenn ich’s recht verstanden habe, um die Tendenz zu immer größerer ästhetischer Stil- und Gedankenlosigkeit, verbunden mit dem Imperativ der Gewinnmargen von Automobilkonzernen. Aber die Skepsis wächst. Allerorten. Darf ich noch guten Gewissens eine Renault Alpine oder einen Porsche Cayenne als Testobjekte ordern? Immerhin: das sind exotische Blüten im Verkehrsstau. Sie verursachen mehr Neid als Schaden. Aber: der Zeitgeist liebt sie nur mehr als lyrische Gangsta-HipHop-Vehikel.

"Wir müssen unseren Lebenstil des Überflusses ändern und übermäßigen Konsum verringern", mahnte unlängst eine Studie der University of New South Wales in Australien ein. Ein Studien-Koautor der ETH Zürich ergänzte, die Zukunft der Menschheit sei nicht nur eine Frage individueller Entscheidungen, sondern brauche tiefgreifende strukturelle Veränderungen. Sprich: einen wirtschaftlichen Paradigmenwechsel. Weg von der Obsession ewigen Wachstums, hin zum unbedingten Schutz natürlicher Ressourcen.

Heißt das: nicht nur keinen Porsche mehr fahren, sondern gleich die Porsche-Fabriken stilllegen? Ich denke darüber in meinem aktuellen Testauto nach (das, wie kaum ein zweites, die graue Durchschnittsmaus der Neuwägenparade anno 2020 repräsentiert): einem Seat Leon, quasi der unbekanntere Bruder des VW Golf. Hier gibt es noch die Möglichkeit einer freien, individuellen Entscheidung - mit beinahe schon nostalgischem Symbolwert: Gas- oder Bremspedal?