Andreas Wirthensohn, geboren 1967, lebt als freier Lektor, Übersetzer und Literaturkritiker in München.

Andreas Wirthensohn, geboren 1967, lebt als freier Lektor, Übersetzer und Literaturkritiker in München.

Was wäre das Leben ohne all die Dinge, über die man sich tagein tagaus wunderbar aufregen kann? Feindbilder sind für mich sogar eine Art Lebenselixier, ein handsamer Blitzableiter für Wut und Ärger, und das Beste daran ist, dass man sie ständig wechseln kann. Früher konnte ich SUVs und die sie Fahrenden nicht leiden, dieses egoistische Hauptsache-ich-und-meine-Familie-sind-sicher-Gehabe, das andere Verkehrsteilnehmende mitleidslos über die Klinge bzw. die wuchtige Motorhaube springen lässt.

Die Abneigung hat sich abgemildert und auf die ganz großen Dinger reduziert (Audi Q7 bzw. BMW X5 und höher, Porsche Cayenne usw.), die meist von überforderten "Speckgürtelprinzessinnen" (so die "Süddeutsche Zeitung") gesteuert werden. Gut nur, dass diese Panzer quasi von selbst einparken. Zeitweise waren dann Menschen auf E-Scootern der neue Fixstern am Feindeshimmel, die wütend vom Fahrradweg geklingelt oder ob ihrer völlig regelfernen Fahrweise angeblafft wurden.

Im Moment gilt meine Aversion dicken Leuten auf E-Bikes - in meinem persönlichen Jargon "Leichtmatrosenräder" genannt -, die locker pedalierend an mir vorbeirauschen und sich auch noch für ökologisch vorbildlich halten, obwohl ihre dicken Dinger in dieser Hinsicht eine wahre Katastrophe sind. Und natürlich den coronabedingt allgegenwärtigen Wohnmobilliebhabenden. Wer so eine Karre etwa in den Alpen vor sich hat, muss schmerzlich erkennen, dass LKWs im Vergleich dazu ein Labsal sind. Wer keine Lust hat, im Urlaub auf sein Heim zu verzichten, der soll doch bitte zu Hause bleiben und nicht andere Straßenbenutzende nerven.

Worüber ich mich hingegen - anders als viele Zeitgenoss*innen - gar nicht aufregen kann, ist die gendergerechte Sprache. Wo andere beim kleinsten Binnen-I oder Gendersternchen rot und das Abendland untergehen sehen, lechze ich förmlich nach mehr. Im Radiosender Deutschlandfunk Kultur sprechen sie das jetzt sogar, was jedes Mal wunderbar nach einem leichten Schluckauf oder einem inneren Aufrichten klingt: "Liebe Hörer" hicks "Innen".

Am liebsten sind mir, wie Sie vielleicht schon gemerkt haben, die derzeit allerorten sprießenden Partizipwendungen: die Studierenden, die von den Dozierenden etwas lernen; die Wählenden, die über die Regierenden entscheiden; die Schwimmenden, die von den Aufpassenden (vulgo Bademeister*innen) vor dem Ertrinken gerettet werden. Das klingt nicht nur super geschlechtsneutral, sondern auch so, als wären alle stets am Machen und unablässig mit Studieren, Dozieren, Aufpassen usw. beschäftigt. Nur nicht nachlassen, denn Pausierende können wir in unserer Welt nicht brauchen.