Lesen, sagt ein Freund, ist ein magischer Vorgang. Man betrachtet abstrakte Zeichen auf Papier und bald entstehen mehr oder weniger deutliche Bilder im Kopf. Nicht selten machen sich auch Gefühle bemerkbar. Ob die auch im "Kopf" verortet sind, bezweifle ich. Negative Gefühle residieren des Öfteren in der Magengegend. Glücksgefühle sind vielleicht am ehesten als ein Strömen im ganzen Körper zu beschreiben. Merkwürdigerweise verlangt das Glücksgefühl manchmal auch nach Lautäußerungen, die man in altmodischen Zeiten "Jubel" nannte.

Die Magie des Lesens verliert sich bisweilen abrupt, wenn ich handschriftliche Zeichen auf ein Stück Papier setze und damit einem meiner jugendlichen Familienmitglieder mitteilen will, was er/sie bitte erledigen soll. Denn entweder betrachtet der Adressat das Papier erst gar nicht, oder er bescheidet mich mit der Feststellung, dass meine Handschrift unleserlich sei. Wenn ich solche Ausreden höre, dann verspüre ich bisweilen Gefühle in der besagten Magengegend.

Doch nicht nur die schriftliche Kommunikation ist erschwert, wenn ich sie nicht via WhatsApp, Snapchat oder was-weiß-ich versuche, auch die mündliche leidet, seit kabellose Kopfhörer bei uns Einzug gehalten haben. Falls man gerade in meine Richtung blicken sollte, bemerkt mein Gegenüber vielleicht, dass ich meinen Mund bewege. Meist ist das nicht der Fall und ich erhöhe kurz meine Lautstärke, was vollkommen sinnlos ist. Denn wahrscheinlich dichten diese Ohrstöpsel ziemlich gut gegen die Außenwelt ab, und überdies dürften sie einen gewaltigen Krawall innerhalb des Ohrs veranstalten.

Ja, und nun haben wir wieder die fünfte Jahreszeit, den Lockdown, und halten mit der Welt über die bereits erwähnten Kanäle Kontakt. Ich muss sozusagen froh sein, dass meine Kinder mich nicht hören, denn so verhindern sie wenigstens selbstheilend die Entwicklung irgendwelcher sozialen Macken oder gar dauerhafter Schädigungen, die sie aufgrund der Isolierung, sprich der Nicht-Kommunikation, sonst womöglich bekämen.

Die Macken, die ich dabei kriege, beachten wir am besten gar nicht! Mein Ansatz, meinen mitunter erhöhten Puls wieder etwas zu senken, ist derzeit nur halblegal, denn ich verlasse das Haus. Der Polizei würde ich im Bedarfsfall erklären, ich müsse mich um meine Hühner kümmern. Dabei ist es so, dass Hühner bekanntlich wenig betreuungsintensiv sind. In erster Linie gehe ich an die frische Luft und biete meinen Damen bei dieser Gelegenheit ein paar Leckerbissen an.

Dabei studiere ich das unergründliche Sozialleben meiner Hühner. Wie sie miteinander kommunizieren, wie sie Neigungen und Abneigungen entwickeln und ausdrücken, das kann ich nach fünfzehn Jahren Hühnerhaltung immer noch nicht so einfach "lesen".