Seit einem Jahrzehnt wählt eine Jury des in Dortmund angesiedelten "Vereins für Deutsche Sprache" die "Schlagzeile des Jahres". Die Jury ist hochkarätig besetzt, sie besteht aus Universitätsprofessoren und angesehenen Journalisten, darunter befindet sich auch der Sachbuchautor und Sprachkritiker Wolf Schneider. Einige seiner Bücher stehen in meinen Regalen: "Deutsch! Das Handbuch für attraktive Texte", "Speak German! - Warum Deutsch manchmal besser ist" und "Gewönne doch der Konjunktiv! Sprachwitz in 66 Lektionen." Wolf Schneider unterrichtet an Journalistenschulen und lehrt guten Sprachstil.

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, jüngst ist bei Haymon "Sprachwitze. Die Formen. Die Techniken. Die jüdischen Wurzeln. Mit mehr als 500 Beispielen" erschienen.
Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, jüngst ist bei Haymon "Sprachwitze. Die Formen. Die Techniken. Die jüdischen Wurzeln. Mit mehr als 500 Beispielen" erschienen.

Sie werden verstehen, dass ich mich geehrt fühlte, als ich erfuhr, dass meine Glossenüberschrift "Krieg der Sterne" über das Gendern an der Universität Wien den dritten Platz in der aktuellen Jahreswertung erzielte. Der Website des Vereins lässt sich entnehmen, dass "Die Zeit" Monate später ähnlich getitelt hat: "Krieg der Sternchen". Auch dafür gab es noch eine beachtliche Zahl an Jurypunkten.

Den Sieg heimste die "Westfälische Rundschau" mit dem Titel "Forschung und Leere" ein - die Zeitung ging der Frage nach, wie die Universitäten mit Corona umgehen. Ähnlich hatten schon Jahre zuvor "Der Tagesspiegel", "Der Spiegel" und die "Frankfurter Rundschau" getitelt.

Unter den 30 besten Schlagzeilen finden sich viele - wie könnte es anders sein -, die sich mit der Pandemie befassen. Die "FAZ" titelte im August "In der Dauerwelle" - übrigens: In Deutschland wird der aktuelle Lockdown als "Wellenbrecher" bezeichnet.

Gut gefiel mir auch ein Titel in der "Augsburger Allgemeinen": "Obgsagt is?" Das war eine Anspielung auf die allseits bekannte Eröffnungsfloskel des Münchner Oktoberfestes. Die abgespeckte Version der Festspiele in Salzburg wurde mit den Worten "Salzburger Testspiele" versehen, zu Covid-19 fiel einem Redakteur das Schlagwort "Husten, wir haben ein Problem!" ein.

In Überschriften wird oft mit dem Doppelsinn eines Wortes gespielt oder es wird eine Verbindung zwischen zwei gleichlautenden Wörtern hergestellt, die eine unterschiedliche Bedeutung haben. Auch durch das Austauschen von Buchstaben kann ein neuer, überraschender Wortsinn entstehen. Aus diesen Materialien sind viele Sprachwitze gemacht - und Werbeslogans: Mit "Saftig wie ein Big Apple. Der New York Classic" wurde vor kurzem ein Hamburger beworben, unlängst fuhr ich mit dem Auto einem gemieteten Lieferwagen hinterher, auf der Hecktüre stand "Überholen Sie doch mal Ihr Badezimmer!"

Slogans mit Doppelsinn laufen oft auf eine Divergenz zwischen wörtlicher und nicht-wörtlicher Bedeutung hinaus. Forscher haben herausgefunden, dass nicht-wörtliche, also metaphorische Bedeutungen, ästhetisch besser wirken als wörtliche. Dies konnte mit verschiedenen Methoden festgestellt werden: mit einer Inhaltsanalyse und anschließender Befragung der Probanden oder durch Messung ihres Galvanischen Hautreflexes.

Vielleicht freuen wir uns schlicht und einfach darüber, dass wir eine Sprachspielerei als solche erkannt und ein Sprachrätsel gelöst haben. Der Aha-Effekt macht uns glücklich.