Dieser Tage wurde eine Novelle zum Universitätsgesetz vorgestellt, die in der Öffentlichkeit trotz der spröden Materie für einige Debatten sorgt. Über Petitessen wie das frivole Gendern lateinischer Titel könnte man hinwegsehen, signalisierten sie nicht, dass es bei der Verleihung eines akademischen Grades weniger um die fachliche als vielmehr um die sexuelle Orientierung von Absolventen geht. Der/die/das in Hinkunft amtlich verbürgte ominöse Dr.x fungiert nebenbei als progressives Feigenblatt, das gerade geeignet ist, so manche Blöße dieser Novelle notdürftig zu bedecken.

Der Autor ist ein österreichischer Philosoph, Essayist und Kulturpublizist. Er ist Universitätsprofessor für "Methoden der Vermittlung von Philosophie und Ethik" an der Universität Wien. - © Heribert Corn
Der Autor ist ein österreichischer Philosoph, Essayist und Kulturpublizist. Er ist Universitätsprofessor für "Methoden der Vermittlung von Philosophie und Ethik" an der Universität Wien. - © Heribert Corn

Für viel Aufregung sorgt die neue Bestimmung, dass in den ersten beiden Studienjahren die Absolvierung von Leistungen im Umfang von 24 ECTS-Punkten nachgewiesen werden muss, ansonsten verliert man für zehn Jahre die Studienberechtigung für das gewählte Fach. Abgesehen von dem Unsinn, geistige Leistungen nach abgesessenen Stunden bewerten zu wollen, wird man gerne zugestehen, dass es nicht zu viel verlangt ist, zwei bis drei Prüfungen pro Semester abzulegen. Warum dies aber in solch eine rigide legistische Form gegossen und mit drakonischen Sanktionen verbunden wird, bleibt rätselhaft. In einer erfolgs- und karrieresüchtigen Zeit darf doch angenommen werden, dass junge Menschen nichts lieber tun, als an den Weltklasseuniversitäten, die uns eine Vorgängerin des amtierenden Ministers versprochen hat, Zeugnisse zu sammeln.

Der nachlässige Umgang mit Zeitvorgaben kann sich nur dann zu einem verwaltungstechnischen und ökonomischen Problem auswachsen, wenn der frustrierte Bummelstudent ein Massenphänomen darstellte. Träfe dies zu, zeigte sich darin womöglich die Kehrseite jener Haltung, die ein akademisches Studium zu einem Menschenrecht verklärte und alles tat, um Zugangshürden und Hemmschwellen zu senken. Jetzt will man die jungen Menschen, die man lockte und rief und die doch am falschen Ort gelandet sind, von diesem wieder vertreiben. Das Ganze riecht nach einer Alibiaktion, die eine grundlegende Fehlorientierung in der Universitätspolitik verdecken soll - einmal abgesehen davon, dass die bolognakonforme Studienbewirtschaftung wahrlich keinen Indikator für intellektuelle Neugier, fachliches Interesse und wissenschaftliche Qualität darstellt.

Ähnlich harmlos, jedoch durchaus hintergründig erscheint die Stärkung der Rektorate und der zum Teil politisch besetzten Universitätsräte gegenüber den Senaten. Es mag sein, dass manches, vor allem die Wiederbestellung von Rektoren, rascher und schneller geht, wenn man nicht lange herumfragen und argumentieren muss. Die Begründung dafür ist nicht ohne Pikanterie: Reformfreudige Rektoren, die es sich mit dem Senat, in dem neben Professoren auch Vertreter des Mittelbaus und der Studenten sitzen, angelegt haben, sollen die Chance zur Weiterarbeit erhalten. Damit wird unterstellt, dass die Innovationsintelligenz immer bei den Wissensmanagern, die zunehmend die Leitungsfunktionen übernehmen, liegt, während alle anderen, von denen eine Universität tatsächlich lebt, offenbar als Störfaktoren verbucht werden. Das Konzept akademischer Selbstverwaltung sah einmal anders aus.

Marginalien, gewiss. Die Welt geht deshalb nicht unter. Ein Trend verstärkt sich dadurch allerdings: Die Transformation von Universitäten als Orte der Lehr- und Lernfreiheit in Einrichtungen, die von Kontroll- und Regelungsphantasmen dominiert werden. Von der namensgebenden "universitas magistrorum et scolarium", der "Gemeinschaft der Lehrer und Schüler", ist nicht viel geblieben. Das muss man nicht bedauern, aber man darf es konstatieren.