Es ist ein eher verstörendes Faktum, dass ausgerechnet unter dem Pflegepersonal in Altersheimen und ähnlichen Einrichtungen der Anteil jener, die sich nicht gegen Corona impfen lassen wollen, ziemlich hoch ist und weit über dem Bevölkerungsdurchschnitt liegt. In Deutschland verweigert laut Umfragen etwa jeder zweite professionell Pflegende die Impfung, in Österreich dürfte es ähnlich sein. Das ist aus drei Gründen ein erhebliches Problem: Erstens gefährden die Verweigerer sich selbst und damit natürlich auch das Gesundheitssystem ohne Not. Zweitens nehmen sie damit womöglich vermeidbare Erkrankungen der Patienten in Kauf, auch wenn die diesbezügliche Wirksamkeit des Impfstoffs noch nicht ganz geklärt ist. Drittens dient impfskeptisches medizinisches Personal jenen Narren als Kronzeugen, welche die Impfung als Teil einer Weltverschwörung zur Versklavung der Menschheit oder so sehen. Daraus ergeben sich zwei Fragen: jene nach den Ursachen dieses befremdlichen Phänomens - und jene nach den möglichen Konsequenzen, die sich daraus ergeben, also etwa eine Impfpflicht für diese und andere ähnliche Berufsgruppen.

Wirklich erforscht sind die Wurzeln dieser auch schon lange vor Corona zu beobachtenden irrationalen Impfskepsis bei Teilen des Pflegepersonals nicht. Aber eine Wurzel dürfte paradoxerweise in der ethischen Motivation vieler Pflegender liegen. Ein Schweizer Pflegeexperte beschrieb das jüngst in der "Neuen Zürcher Zeitung" so: "Es geht ihnen ums Helfen. Das Medizinische, das Wissenschaftliche ist für viele zweitrangig. Die Pflege hat auch lange nicht evidenzbasiert funktioniert. Für diese Leute sind die Erfahrungen, die sie selber sammeln, viel wichtiger als eine neue Studie." Dass gute Pflege besonders viel Empathie erfordert, ist evident - ebenso, dass Gefühle und Erkenntnisse gelegentlich auf Kollisionskurs miteinander geraten können, nicht nur im Altersheim oder im Spital. Dazu kommt, dass die Impfverweigerung auch als eine Art ziviler Ungehorsam verstanden werden kann. Gerade für jüngere Pflegerinnen und Pfleger, deren persönliches Risiko, schwer zu erkranken oder gar zu sterben, ja gegen null geht, wird das im einen oder anderen Fall als Retourkutsche gegen ein medizinisches System und seine Chefitäten zu verstehen sein, das ihnen oft weder angemessene Wertschätzung noch ausreichend gute Bezahlung bietet.

Der Gedanke, das Problem einfach durch eine Impfpflicht fürs Pflegepersonal zu lösen, ist naheliegend, aber möglicherweise nicht besonders schlau. Schon aus ganz pragmatischen Gründen: Gerade in der derzeitigen, angespannten Situation wäre der plötzliche Abgang hunderter, wenn nicht gar tausender Pflegespezialisten, die sich partout nicht piksen lassen wollen, wohl nicht gut verkraftbar (Berufsanfängern hingegen könnte man absolvierte Impfungen durchaus als Notwendigkeit vorschreiben). Deshalb bleibt wohl, wie so oft in einer liberal-freiheitlichen Gesellschaft, nur der mühsame, ermüdende und nicht selten frustrierende Weg der Aufklärung, positiven Motivation und Überzeugungsarbeit. Der ist nicht sehr sexy, aber letztlich alternativenlos.