In schöner Regelmäßigkeit taucht in den Medien die Irrmeinung auf, dass das "Meidlinger L" auf slawischen Einfluss zurückgehe. Böhmische Ziegelarbeiter hätten es zu Zeiten der Monarchie nach Wien gebracht, und seither würden die Meidlinger bei diesem Konsonanten mit der Zunge eigene Wege gehen: "Leiwand!" Inzwischen sollte unumstritten sein, dass eine ähnliche Aussprache nicht nur in Meidling, sondern im gesamten Donauraum und weit darüber hinaus anzutreffen ist. Außerdem gibt es im Tschechischen keinen vergleichbaren L-Laut, kleinräumige Dialekte ausgenommen.

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, jüngst ist bei Haymon "Sprachwitze. Die Formen. Die Techniken. Die jüdischen Wurzeln. Mit mehr als 500 Beispielen" erschienen.
Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, jüngst ist bei Haymon "Sprachwitze. Die Formen. Die Techniken. Die jüdischen Wurzeln. Mit mehr als 500 Beispielen" erschienen.

Angesehene Universitätsprofessoren wie Peter Ernst (Germanistik) oder Stefan Michael Newerkla und Hans-Dieter Pohl (beide Slawistik) bekämpfen seit Jahren derartige Falschmeldungen. Sie liefern eine Erklärung, wie die merkwürdige Aussprache dieses Konsonanten entstanden sein könnte. Ausgangspunkt ist unsere dialektale Vokalisierung - aus "weil" wird "wäu". Peter Ernst: "Versucht ein Dialektsprecher hochsprachlich zu reden, restituiert er das fehlende L durch eine andere L-Variante - nicht nur am Wortende, sondern in vielen anderen Fällen auch." Wo das L erhalten bleibt, zum Beispiel in größten Teilen Kärntens oder Tirols, ist dies nicht eingetreten.

Stefan Michael Newerkla: "Natürlich gibt es in vielen Sprachen zwei L-Laute, von denen in bestimmten Varietäten der eine L-Laut an das ,Meidlinger L‘ erinnern kann. Deshalb kann man noch nicht auf eine Übernahme schließen." Auch das Englische hat ein für uns ähnlich klingendes L, und erst recht das Russische: Man denke nur daran, wie Kabarettisten einen Sprecher mit russischem Akzent imitieren. Versuche der Meidlinger SPÖ, ihr angeblich typisches L zum Kulturerbe erklären zu lassen, müssen also scheitern.

Unlängst war in diesem Blatt an anderer Stelle zu lesen, wie eine Phonetikerin an einem Institut der Akademie der Wissenschaften das "urwienerische" Meidlinger L retten möchte. Carolin Schmid traut dies am ehesten heutigen Zuwanderern zu, "denn das einst von tschechischen Einwanderern importierte Meidlinger L findet sich auf natürliche Weise in den Sprachen der Bosnier, Serben, Kroaten, Albaner und Türken wieder." Auch das ist ein Irrtum. Die Mehrheit der Sprecher aus diesen Ländern hat keinen derartigen L-Laut in der Muttersprache.

Newerkla: "Was die böhmischen und mährischen Zuzügler nach Wien angeht, so weiß man genau, aus welchen Dialektgebieten sie im 19. Jahrhundert nach Wien gekommen sind." Da eine direkte Übernahme ausscheidet, ist davon auszugehen, dass die "Ziegelbehm" nur indirekt zu einer Verbreitung dieses L-Lautes beitrugen - indem sie die Aussprache der österreichischen Arbeiter imitierten. Ich habe Carolin Schmid mit der allgemein anerkannten Lehrmeinung konfrontiert, sie beharrt allerdings auf ihrer Sicht der Dinge, ohne Beweise vorzulegen.

Übrigens: Mein serbischer Elektriker, der alle Aufträge prompt, perfekt und zu meiner Zufriedenheit ausführt, fragt mich immer nach getaner Arbeit mit einem Lächeln: "Ollas leiwand, Chefe?" Dabei spricht er das L so aus, wie wenn er ein Urwiener wäre.