Im wirklichen Leben kann man es mit der Überinterpretation von kleinen Gesten auch übertreiben. Nicht jede Alltagsszene, nicht jedes Hoppala taugt zur Exemplifizierung irgendeiner Meta-Ebene. Dabei erliegen, zugegeben, gerade Journalisten oft und gern dieser Versuchung.

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In der hohen Kunst der Beziehungen sind unbeabsichtigte Gesten dagegen so selten wie eine Goldmine auf dem eigenen Grund. Wenn Staatsmänner und -frauen den Medien einen kurzen Blick auf ihr Zusammentreffen gewähren, ist kein Arrangement zufällig und keine Begrüßung unverstellt. Jedes Detail ist hier dem Zweck untergeordnet, um Frühlingsgefühle, Tauwetter oder aufziehende Sturmfronten zwischen den beteiligten Staaten anzuzeigen.

Wer das als Politiker persönlich nimmt, versteht nicht, dass die Beziehungen zwischen Staaten und Organisationen einer anderen Logik folgen als rein zwischenmenschliche.

So gesehen hätten die beiden Abgesandten der EU, Ratspräsident Charles Michel und Kommissionschefin Ursula von der Leyen, vorbereitet sein müssen, als sie am Dienstag dem türkischen Staatschef Recep Tayyip Erdogan einen Besuch abstatteten. Geschenkt, dass die EU dabei eigentlich Werbung für einen Neuanfang machen wollte. Mit einer symbolischen Macho-Geste Erdogans war und ist, auf welche Weise auch immer, stets und überall zu rechnen.

Die gezielte Brüskierung von der Leyens, für die kein Stuhl neben Erdogan und Michel bereitstand und die sich deshalb - sichtlich irritiert und befremdet - abseits auf ein Sofa setzen musste, passt daher besser ins Bild der tatsächlichen türkisch-europäischen Beziehungen. Dies vor allem deshalb, weil sich die Europäische Union - wieder einmal, muss man leider sagen - auseinanderdividieren ließ, statt geeint Stärke im Angesicht einer Herausforderung zu zeigen, selbst wenn diese nur in einer groben symbolischen Unhöflichkeit bestand. Umso ernüchternder ist, dass Michel, statt seiner europäischen Präsidenten-Kollegin beizustehen und um einen weiteren Stuhl zu bitten, einfach selbst neben Erdogan Platz nahm.

Die Auftritte der EU-Spitzen in autoritären Drittstaaten stehen derzeit unter keinem guten Stern: Im Februar die öffentliche Vorführung von EU-Außenkommissar Josep Borrell in Moskau durch Russlands Außenminister Sergej Lawrow; und jetzt die Brüskierung der einen EU-Spitze durch Erdogan im Beisein der anderen. Gerade in der Diplomatie lassen sich mit kleinen Gesten Stärke und Entschlossenheit zeigen. Das hat die EU einmal mehr zum eigenen Schaden versäumt.