Darf man jungen Menschen alles zumuten? Nein, wir sprechen hier nicht von den psychischen und sozialen Folgen der Corona-Epidemie, sondern über die großen Werke der Weltliteratur. Es mehren sich die Stimmen, die im Zuge einer kritischen Revision der kulturellen Tradition die gewaltverherrlichenden und sexistischen Dichtungen von Homer, Ovid und Dante, aber auch von Shakespeare und Schiller am liebsten aus kulturwissenschaftlichen Studiengängen kippen würden. Derartige Texte passten nicht mehr in das moralische Korsett unserer Zeit, die Gefahr, dass angehende Akademiker daran seelischen Schaden nehmen, dass durch politisch inkorrekte Verse gar posttraumatische Belastungsstörungen ausgelöst werden könnten, sei zu groß. Zumindest müssten diese gefährlichen Bücher mit entsprechenden Warnungen versehen werden.

Der Autor ist ein österreichischer Philosoph, Essayist und Kulturpublizist. Er ist Universitätsprofessor für "Methoden der Vermittlung von Philosophie und Ethik" an der Universität Wien. - © Heribert Corn
Der Autor ist ein österreichischer Philosoph, Essayist und Kulturpublizist. Er ist Universitätsprofessor für "Methoden der Vermittlung von Philosophie und Ethik" an der Universität Wien. - © Heribert Corn

Man kann dem einiges abgewinnen. Sich fiktionalen Grausamkeiten auszusetzen, ist nicht jedermanns Sache. Interessant jedoch, dass diese Besorgnis in erster Linie der westlichen Literatur gilt. Berichte über die Menschenopfer der Azteken müssen wir als Ausdruck einer indigenen Kultur wohlwollend zur Kenntnis nehmen, bluttriefende Fernsehserien und brutale Computerspiele dürfen nicht kritisiert werden, diese sind technologisch avanciert und angeblich pädagogisch immer wertvoll. Gegen ein antikes Epos vorzugehen, das nach einem Wort von Karl Marx noch nach 2.000 Jahren als "Norm und unerreichbares Muster" gilt, bietet offenbar einen wesentlich größeren moralischen Mehrwert als die Kritik eines Medienprodukts, das nach wenigen Monaten vergessen sein wird.

Auf diese Forderungen der neuen "Wokeness" reagieren vor allem Bildungsbürger eher allergisch. Selbst wenn die inkriminierten Werke in Gesellschaftsordnungen wurzeln, deren Überwindung einen unbedingten Fortschritt darstellt, werden darin die Grundkonflikte und Abgründe des Menschen in einer paradigmatischen ästhetischen Form gestaltet, auf die niemand, der sich einen Sinn für die produktive Kraft der Kunst bewahrt hat, verzichten möchte. Und zudem, so ließe sich weiter einwenden, haben diese poetischen Entwürfe die moderne Kultur nachhaltig mitbestimmt. Wer Shakespeare cancelt, wird Schwierigkeiten haben, das zeitgenössische Theater zu verstehen.

Die Versuche, die Jugend vor dem verderblichen Einfluss der klassischen Literatur zu schützen, haben allerdings eine lange Geschichte. Entweder man ließ zweifelhafte Dichtungen unter den Tisch fallen, oder bearbeitete sie im Sinne der jeweils vorherrschenden Moral. Mitunter wurden sie zu einem Bildungsgut stilisiert, das man auf einige harmlose, aus dem Zusammenhang gerissene Zitate reduzierte. Für Leser, die solch einer Bevormundung entkommen waren, gab es an den Klassikern dann auch stets Neues, Ungeheures, Grauenhaftes und Faszinierendes zu entdecken.

Dass es eine Form der Sensibilität, der Rücksichtnahme, der Vorsicht und der Behutsamkeit gibt, zu der die vorurteilsbeladene Literatur vergangener Tage nicht passt, ist ebenfalls keine Einsicht unserer Gegenwart. Verblüffend, dass schon Mitte des 19. Jahrhunderts der dänische Philosoph Sören Kierkegaard darüber klagte, dass die Gedanken der Menschen "dünn, zart und hinfällig" wären, ganz ohne "Leidenschaft". Das mache seine Zeit so "erbärmlich". Lieber wandte sich der Ahnherr des Existentialismus deshalb dem Alten Testament und Shakespeare zu. Denn dort fand er "Menschen": "Da hasst man, da liebt man, bringt seinen Feind um, verflucht seine Nachkommen durch alle Geschlechter hindurch; da sündigt man." Könnte es sein, dass manche Bücher in Misskredit geraten, weil wir vom Menschen nichts mehr wissen wollen? Und wäre nicht das der eigentliche Anlass zur Besorgnis?