Die Fußball-EM bescherte uns neben dem üblichen Mix aus Spannung, taktischer Langeweile, Genialität und Brutalität und einem überraschenden Spiel der österreichischen Mannschaft auch veritable Einsichten in das Verhältnis von Mensch und Technik. Die Möglichkeit, nahezu jede Szene durch ein ausgeklügeltes optisch-digitales System so lange aus allen Perspektiven zu betrachten, bis Eindeutigkeit vorliegt, wirft einige interessante Fragen auf. Denken wir nur an das nicht gegebene Tor von Marko Arnautović im Spiel gegen Italien: Die Abseitsstellung in einer rasanten Bewegung war für ein menschliches Auge nicht zu erkennen, ohne technische Kontrolle hätte der Treffer wohl gezählt. Erst eine minutiöse Rekonstruktion und Verlangsamung ergab, dass der Stürmer einen Wimpernschlag zu früh gestartet war.

Der Autor ist ein österreichischer Philosoph, Essayist und Kulturpublizist. Er ist Universitätsprofessor für "Methoden der Vermittlung von Philosophie und Ethik" an der Universität Wien. - © Heribert Corn
Der Autor ist ein österreichischer Philosoph, Essayist und Kulturpublizist. Er ist Universitätsprofessor für "Methoden der Vermittlung von Philosophie und Ethik" an der Universität Wien. - © Heribert Corn

Die Neuvermessung der Lebenswelt durch digitale Verfahren erlaubt es in der Tat, die Trägheit des menschlichen Auges ebenso zu korrigieren wie die Subjektivität der Standpunkte. Der Videobeweis erscheint als wichtiger Schritt in Richtung Gerechtigkeit und Objektivität. Theatralische Schwalben, versteckte Handspiele, hinterhältige Attacken und strittige Szenen gehören nicht nur auf dem grünen Rasen der Vergangenheit an. Durch unsere Technologie haben wir eine unbestechliche Kontrollinstanz kreiert. Einsichten und Erkenntnisse verdanken sich nicht der menschlichen Urteilskraft, sondern der Leistungsfähigkeit einer Apparatur. Und das bedeutet: Debatten erübrigen sich. Die Zeitlupenaufnahme nimmt jeden Zweifel.

"Wie schön!", könnte man ausrufen. Endlich keine sinnlosen Streitereien mehr über unzulängliche Referees und unfaire Kicker. Die problematische Autorität von Menschen wird durch die souveräne Autorität der Maschine ersetzt. Schiedsrichterentscheidungen sind keine Tatsachenentscheidungen mehr, die detailreiche Wiederholung im Bild gibt das preis, was wirklich geschehen ist. Wir können uns der Technologie nur errötend beugen. Prometheische Scham nannte dies der Philosoph Günther Anders: Die von uns geschaffenen Geräte übertreffen uns in vielen Belangen. Dem Imperativ der Maschinen haben wir deshalb zu folgen. Unter modernen Bedingungen wäre das bis heute umstrittene Tor der Engländer im WM-Finale 1966 gegen Deutschland zweifelsfrei verifiziert oder falsifiziert, und die legendäre "Hand Gottes", die Diego Maradona in einem WM-Spiel 1986 unterstützte, sofort als irdische Sünde entlarvt worden. Die Fußballgeschichte hätte einen anderen Verlauf genommen. Aber es fehlten ihr einige Mythen und legendäre Momente.

Günther Anders hatte gegen die Übermacht der Technik noch rebelliert. Es gehört zum Menschen, dass er emotional und subjektiv agiert und urteilt. Das menschliche Maß ist ein anderes als das, das durch die Perfektion der Maschinen vorgegeben ist. Es kennt Ungenauigkeiten und Schwächen. Es kennt den tragischen Irrtum. Und es gibt den Zauber einer Fehlentscheidung. Abgesehen davon: Ist ein Vergehen, das nur Maschinen registrieren können, wirklich ein Übel? Ob wir uns immer gut fühlen, wenn uns eine überlegene Technik ständig korrigiert, darf deshalb bezweifelt werden. Friedrich Nietzsche äußerte einmal den verblüffenden Gedanken, dass der Mensch Gott getötet habe, weil er es nicht ausgehalten habe, dessen allwissendem Blick ausgeliefert zu sein. Das sollte uns in der allgemeinen Digitalisierungseuphorie vorsichtig stimmen: Irgendwann werden auch wir nicht mehr wollen, dass vernetzte Kameras alles sehen und fragwürdige Algorithmen uns bewerten. Aus der Perspektive von Anders’ Technikkritik hat Österreich das Match gegen Italien gewonnen.