Die für mich bislang einprägsamste Vortragseinleitung war die eines bekannten deutschen Bildungsökonomen, der zuerst ein Bild einer Stofffabrik um 1910 zeigte und dann ein Bild einer Stofffabrik von heute. Dann zeigte er ein Bild einer Schulklasse um 1910 und eines einer Schulklasse von heute. Sie erahnen es? Die moderne Stofffabrik hatte kaum Gemeinsamkeiten mit jener von vor 100 Jahren, während der Unterschied der Schulklassen nicht sehr groß war.

Ulrike Famira-Mühlberger stellvertretende Leiterin des Wirtschaftsforschungsinstituts.
Ulrike Famira-Mühlberger stellvertretende Leiterin des Wirtschaftsforschungsinstituts.

An diese Bilder muss ich immer in den Sommerferien denken. Schließlich sind die Sommerferien fast wie in Habsburger Zeiten organisiert, wo die Mehrheit der Schulkinder im Sommer bei der Ernte helfen musste. Die Gesellschaft hat sich seither jedoch grundlegend geändert. Die Landwirtschaft bestellt ihre Äcker ohne Kinderarbeit, Frauen beteiligen sich überwiegend am Arbeitsmarkt und die österreichischen Beschäftigten haben in der Regel fünf Wochen Urlaub. Jahr für Jahr mühen sich sehr viele Elternpaare von schulpflichtigen Kindern damit ab, ihrem Nachwuchs im Sommer durchgehend möglichst qualitative Betreuung zukommen zu lassen. Aus der Bildungsforschung wissen wir, dass Kinder natürlich nicht nur im schulischen Kontext lernen, sondern auch bei unterschiedlichen Ferienaktivitäten. Dennoch wissen wir, dass die langen Ferien im Sommer nicht nur Eltern vor gravierende Betreuungsprobleme stellen, sondern auch die Bildungsungleichheit verstärken. Bei einer Verkürzung der Sommerferien könnte der Lernstoff besser verteilt und vertieft werden, außerschulische Aktivitäten wie Ausflüge, Wanderungen, Workshops, die zu den Highlights von Schulkindern gehören und Lernen in einem abwechslungsreichen Setting erlauben, könnten erweitert werden. Die Bildungsforschung zeigt, dass in den Sommerferien - je nach sozioökonomischen Hintergrund - unterschiedliche Lern- und Kompetenzentwicklungen stattfinden, sodass der Kompetenzunterschied zwischen Kindern aus sozial schwachen Familien und jenen Familien, die ihren Kindern abwechslungs- und lehrreiches Ferienprogramm bieten können. Der Kompetenzunterschied wird von Ferien zu Ferien größer, während die Schule die unterschiedliche familiäre Ressourcenausstattung zu einem guten Teil kompensieren kann - wenn auch auf Basis von unterschiedlichen Niveaus, da Kinder aus sozial schwachen Familien im Durchschnitt mit einer geringeren Kompetenz in das Schulleben treten und dies vermag die Schule kaum auszugleichen. Es ist klar, dass Kinder Ferien brauchen. Auch die Unterbrechungen durch Herbstferien, Weihnachtsferien, Semesterferien, Osterferien und Brückentage sind oft wichtig und erlauben im Bestfall außerschulisches Lernen und das Sammeln von Erfahrungen. Aber aus bildungsökonomischer Sicht stelle ich in Frage, ob rund 15 Wochen Ferien sinnvoll sind und ob die Sommerferien wirklich neun Wochen sein müssen. Für die meisten Familien bedeuten die langen Ferien enorme Vereinbarkeitsprobleme von Beruf und Familien - auch ein Grund, warum viele Frauen erst dann wieder zur Vollzeitbeschäftigung zurückkehren, wenn sich die Kinder in den Ferien weitgehend selbst beschäftigen können.