Unlängst wurde ich bei einer Bushaltestelle Zeuge eines Gesprächs. Ein Mann war gerade aus einem Italienurlaub zurückgekehrt, sein Bekannter stellte ihm die obligatorische Frage, wie es denn so gewesen sei. Die Antwort: "Eh scheen, ziemlich vü Marmeladinger halt." Für all jene, die die Bedeutung dieses Wortes nicht kennen, was keine Bildungslücke darstellt: Es handelt sich um eine abschätzige österreichische Bezeichnung für deutsche Staatsangehörige, die aus der Zeit des Ersten Weltkriegs stammt, als die deutschen Soldaten in Ermangelung von Butter sich Marmelade auf die Brote schmieren mussten.

Hans-Paul Nosko lebt als Journalist und Glossist in Wien. - © Robert Newald
Hans-Paul Nosko lebt als Journalist und Glossist in Wien. - © Robert Newald

Umgekehrt sieht es - trotz aller Ösi-Witze - ganz anderes aus. Sie mögen uns. Trotz Cordoba und einem notorischen Ungleichgewicht im Skisport. Öffentlichkeitswirksam zu bemerken etwa während der Fußball-Europameisterschaft, als die deutschen Kommentatoren das knappe Ausscheiden der Österreicher gegen Italien ehrlich und lange bedauerten. Kürzlich konnte ich mich bei ihnen selbst von dieser Zuneigung überzeugen.

Ich saß im kühlen Innenhof eines nicht ganz billigen Konstanzer Lokals, wo ich lediglich ein Glas Weißwein trinken und eine Brezel dazu essen wollte. Der Wein war nicht das Problem, die Brezel schon: "Ich habe gerade die letzte selbst gegessen", teilte mir der Kellner in aller Offenheit mit. "Ein Butterbrot vielleicht?", fragte ich als gelernter Wiener. "Das gibt es bei uns leider nicht, aber ich werde mir etwas einfallen lassen", antwortete der junge Mann und fügte hinzu: "Für unsere österreichischen Freunde tun wir alles."

Ich war zunächst versucht, dies als touristische Floskel abzutun, wurde allerdings eines Besseren belehrt. Neben einem ausgezeichneten trockenen Weißwein - nicht, wie auf der Speisekarte vermerkt war, ein zehntel Liter, sondern, an den Markierungen des Glases zu erkennen, ein "echtes" Achtel - servierte mir der Kellner in einem Körbchen vier Scheiben weißes und dunkles Brot, dazu eine Kaffeeuntertasse, in deren kreisförmige Ausnehmung er Olivenöl goss, drehte aus einer Mühle ein wenig Pfeffer darauf, ließ diese samt Salzstreuer und Ölflasche auf dem Tisch stehen und ging ab mit den Worten "Lassen Sie es sich gut schmecken".

Das tat ich und widmete mich der "Süddeutschen Zeitung". Der Wein war ausgezeichnet, das Brot tauchte ich ins - mehrfach nachgegossene - Olivenöl, und als ich schließlich mit dem Artikel über die Chancen der Parteien bei der kommenden Bundestagswahl durch war, winkte ich zum Zahlen. Ich war gespannt, was man mir für Brot und Olivenöl berechnen würde. Viel konnte es nicht sein, aber immerhin hatte ich ja etwas konsumiert. Umso größer war meine Überraschung, als der Kellner lediglich den Betrag nannte, der für den Wein veranschlagt war.

Eine nette Geste, die wenig kostet, gewiss - und doch ein wenig mehr mit der Bezugnahme auf die Herkunft des Gasts, der weder eine Brezel noch sein geliebtes Butterbrot bekommt. Ja, so sind sie eben auch, die Marmeladinger.