Manche Sternstunde der Menschheit hat ihre Schattenseite. Die Erfindung des Buchdrucks etwa. Eines der ersten Werke mit reichlich Auflagen? "Der Hexenhammer". 500 Jahre später ist die Menschheit, sarkastisch gesagt, einen Schritt weiter. Der Blödsinn gedeiht wie eh und je. Doch im Internet setzt er noch mehr Leuten einen Floh ins Ohr, wie ein Tweet der US-Rapperin Nicki Minaj diese Woche. Sie behauptet, der Freund eines Cousins in Trinidad, ihrer einstigen Heimat, hätte sich gegen Covid impfen lassen, jetzt hätte er den Salat: Er sei impotent, sein Hoden geschwollen, und die Freundin habe die Verlobung gelöst.

Nun könnte man da schlicht die Augen verdrehen und fragen: Litt der Mann nicht eher an Chlamydien? Und was ist das für eine Frau, die wegen einer, nun ja, zeitweiligen Verkehrsbehinderung gleich die Beziehung aufkündigt?

Das Problem ist nur: Minaj hat 22 Millionen Twitter-Follower, und ihre Nachricht wurde bis Freitagmorgen 25.000 Mal geteilt. Was den Gesundheitsbehörden Probleme macht. So sah sich das offizielle Trinidad und Tobago zur Reaktion gezwungen: Es sei kein solcher Fall bekannt und "viel Zeit verschwendet worden, dieser falschen Behauptung nachzugehen". Und das Weiße Haus hat der 38-Jährigen gar ein aufklärendes Gespräch mit einem Experten angeboten.

Denkbar aber, dass immerhin diese Posse gut endet. Minaj hat Gesprächsbereitschaft signalisiert und anklingen lassen, sich vielleicht doch impfen zu lassen. Der Chor der Irrlehren-Verbreiter wäre dann zumindest um eine Stimme ärmer.

"Wiener Zeitung"-Klassikexperte Christoph Irrgeher.
"Wiener Zeitung"-Klassikexperte Christoph Irrgeher.