Man darf davon ausgehen, dass sich in den nächsten Tagen die US-Beteuerungen überschlagen werden, welche die Achse Washington – Paris in den Himmel  heben, historisches Pathos (Freiheitsstatue, D-Day) und Gegenwartsbezug (Kampf gegen den Terror) inklusive. Und irgendwann wird die brutale Brüskierung der "Grande Nation" dann von anderen Schlagzeilen verdrängt werden. Vergessen wird sie der Mann im Elysee Palast nicht so schnell - und hoffentlich nicht nur er.

Walter Hämmerle ist Chefredakteur der "Wiener Zeitung".

Walter Hämmerle ist Chefredakteur der "Wiener Zeitung".

Es war im November 2019, da erklärte Emmanuel Macron, Frankreichs Staatspräsident, die Nato für "hirntot". Damals regierte in Washington Donald J. Trump, der sich einen Jux daraus machte, auch noch Salz in die Schwächen seiner europäischen Verbündeten zu streuen. Als Ende vergangener Woche bekannt wurde, dass Australien einen 40 Milliarden US-Dollar (35 Mrd. Euro) schweren Rüstungsauftrag für den Kauf französischer U-Boote platzen lässt, um stattdessen atombetriebene U-Boote aus US-Produktion zu erwerben und ein indo-pazifisches Sicherheitsbündnis mit Washington und London zu schmieden, dürfte Macron von der Treffgenauigkeit seiner Fundamentalkritik selbst überrascht gewesen sein. Anders lässt sich die unverstellte Empörung seiner Regierung nicht erklären.

Die ersten neun Monate Joe Bidens als Nachfolger Trumps im Weißen Haus haben nunmehr dem letzten transatlantischen Träumer in Europa klar gemacht, dass die USA bei der Verfolgung ihrer  Prioritäten bei Bedarf auf die Befindlichkeiten anderer Partner allenfalls rhetorische Rücksicht nehmen, aber keine faktischen.

Möglicherweise hätten die USA auch Frankreich in ihr indopazifisches Bündnis integrieren können; immerhin hat Paris aufgrund seiner Übersee-Territorien genuine Interessen in der Region, die es gegen die wachsenden Machtansprüche Chinas gemeinsam mit Australien absichern wollte. Es war Canberra, das sich für den stärkeren Partner, die USA, entschieden hat, um China wirksam zu kontern. Der fliegende Wechsel beim Rüstungsauftrag ist "part of the game" für einen US-Präsidenten, der angetreten ist, die Interessen der US-Arbeiter ständig mitzudenken.

Wie konsequent Industriepolitik und Sicherheitsinteressen in Washington auch unter Biden verknüpft sind, zeigt ein weiteres Beispiel vom heurigen Juli, als die von EU-Staaten quasi (Liechtenstein!) umringte Schweiz statt Kampfjets aus europäischer Produktion solchen aus US-Provenienz den Vorzug gab. Auch hier hatte sich Macron für das französische Produkt in die Bresche geworfen. Ebenfalls erfolglos.

Die Versuchung ist nun groß, diese Entwicklungen in Europa als Demütigung für Frankreichs globale Ambitionen zu diskutieren. Spott und Schadenfreude sind ein verlässlicher Begleiter der allzu Ehrgeizigen. Vielleicht ist es ja auch gar nicht im Interesse der EU, im fernen Indopazifik an der Seite der USA Peking einzudämmen. Womöglich enden dort die gemeinsamen Interessen mit dem langjährigen Garanten der eigenen Sicherheit. Unter Umständen kann man auf ewig Handel zum wechselseitigen Vorteil treiben, ohne die eigenen Interessen je mit harter Macht zu untermauern.

Wahrscheinlicher ist allerdings, dass zum derzeitigen Zeitpunkt niemand in Brüssel oder den großen Mitgliedstaaten schlüssige Antworten auf diese Fragen parat hat. Und das ist tatsächlich ein Problem, aber nicht nur für das stolze Frankreich.