Derzeit läuft in den Kinos der Film "Marko Feingold – Ein jüdisches Leben". Der langjährige Präsident der jüdischen Gemeinde in Salzburg ist zwar inzwischen bereits verstorben, im Alter von 105 Jahren ließ er für diesen Film aber noch einmal seine Erinnerungen an Kindheit und Jugend, die Verfolgung im Nationalsozialismus und die Nachkriegszeit revue passieren. Auf der großen Kinoleinwand in dieses Gesicht, in dem das lange Leben seine Spuren hinterlassen hat, zu schauen und zuzuhören, was Feingold schildert, lässt einen – obwohl ja das meiste nicht neu ist – doch schaudern. Das so direkt Erzählte hat doch eine andere Wirkung als Ähnliches zu lesen.

Noch greifbarer werden Schilderungen von Zeitzeugen und –zeuginnen, wenn man mit ihnen sprechen, mit ihnen in Dialog treten kann. Doch das ist immer seltener möglich: nach und nach treten "Die letzten Zeugen", wie Doron Rabinovici treffenderweise sein Bühnenprojekt mit Zeitzeugen und –zeuginnen für das Burgtheater nannte, ab. Bald wird niemand mehr persönlich Zeugnis ablegen können, was in der NS-Zeit passierte. Man wird also in Büchern nachlesen, wobei hier die Palette sehr groß ist und von wissenschaftlicher Fachliteratur über Populärwissenschaftliches bis zu (Auto)Biographien, aber auch Belletristik reicht, sich auf Video oder als Audioaufnahme gespeicherte Zeitzeugenerinnerungen ansehen oder –hören, sich in Museen Objekte aus der Zeit, in Archiven Dokumente und Fotomaterial ansehen. Oder aber man geht an Orte, an denen das, was man da heute nachzuspüren versucht, einst passierte.

Zu diesen Orten gehören die Konzentrationslager von damals, die heute Gedenkstätten sind. In der wohl bekanntesten, der KZ-Gedenkstätte Auschwitz, wurde eben erst nach mehr als zehnjähriger Arbeit daran die neue Österreich-Ausstellung eröffnet, die vor allem das tut, was schon lange Not tat: mit der Opferthese zu brechen.

Über authentische Gefühle

Einigermaßen überrascht war ich diese Woche, als ich diese Aussage des Soziologen Natan Sznaider in einem Interview mit dem "Falter" las: "Es gibt einen Fetischismus der Orte, den ich ablehne. Meiner Meinung nach erzeugen authentische Orte keine authentischen Gefühle. Ich sage meinen Studierenden immer, ihr müsst nicht nach Auschwitz fahren, um zu verstehen, was dort passiert ist. Wir sind Juden, das Volk der Bücher. Wofür haben wir Texte?"

Und weiter: er finde Besuche eben etwa an der KZ-Gedenkstätte Auschwitz fragwürdig, "weil sie so tun, als würde sich eine persönliche Betroffenheit einstellen, wenn man durch das Tor geht, auf dem steht: ‚Arbeit macht frei’. Dabei handelt es sich auch hier um ein institutionalisiertes Fühlen, und dafür braucht es kein KZ."

Ich kann diese Kritik nicht nachvollziehen. Denn nein, ich muss nicht nach Polen reisen, um mich über die Schoa zu informieren. Aber, siehe eingangs: Begegnungen mit Zeitzeugen und –zeuginnen wird es bald keine mehr geben. Orte zu besuchen, an denen die Gräuel von damals passierten, die heute als Gedenkstätten geführt werden und sich unterschiedlichste pädagogische Konzepte überlegt haben, um den Besuchern und Besucherinnen das Unvorstellbare vorstellbar zu machen, das wird aber weiter möglich sein. Und vielleicht wird damit die Bedeutung solcher Orte auch noch steigen, vor allem was den Bereich Holocaust Education angeht.

Information und Aufklärung

Und zum Thema Authentizität: nein, die KZ Gedenkstätte Auschwitz kann heute nicht allumfassend das zeigen, was sich an Horror im Konzentrationslager Auschwitz in der NS-Zeit tatsächlich abspielte. Es geht ja aber bitte auch nicht darum, wie in einer Art Horrible Histories-Disneyland heute das zu erleben, was damals ein KZ-Insasse erlebte. Es geht um Information und Aufklärung und darum, einen Eindruck zu bekommen, was Menschen damals erleben und erleiden mussten. Und Originalschauplätze lösen da im Menschen doch ein ganzes Bündel an Emotionen aus, die sich von dem unterscheiden, was man empfindet, wenn man in einem Buch liest. Ein Text erlaubt viel leichter, sich von dem Gelesenen zu distanzieren. Wenn man aber an einem Ort steht, an dem Geschichte passiert ist, bringt einem das die Vergangenheit doch wesentlich näher – wenn man sich darauf einlässt.

Das kann man bei sich auch schon beobachten, wenn man durch Wien spaziert und dabei auf einem Gehsteig auf "Steine der Erinnerung" stößt. Ja, klar, man kann einfach weitergehen, ohne groß nachzudenken. Man kann aber auch kurz innehalten, die Inschriften lesen, sich ansehen, wann ist die betreffende Person aus Wien deportiert worden, sich fragen, ob es zwischen dieser letzten Wohnadresse und dem Abtransport wahrscheinlich vom Aspangbahnhof aus noch einen Aufenthalt in einem der Sammellager in der Leopoldstadt gab. Man kann an der Fassade hochschauen, sich überlegen, wie sich das angefühlt hat, wenn man da aus dem Fenster rechts im dritten Stock oder dem ganz links im vierten Stock auf die Straße geschaut und gesehen hat, dass da jene im Anmarsch sind, die einen abholen wollen.

Genau deshalb wehren sich ja Hausbesitzer und –besitzerinnen gegen das Anbringen von Gedenktafeln an der Fassade. Sie wollen nicht, dass die Immobilie mit etwas Negativem in Verbindung gebracht wird. So kam es überhaupt erst zu den "Steinen der Erinnerung" – der Gehsteig ist öffentliche Fläche, hier braucht es die Zustimmung der öffentlichen Hand, nicht aber des Hauseigentümers.

Braucht es Emotion?

Geschichte rückt viel näher, wenn man sich genau dort mit ihr befasst, wo sie passiert ist. Oder wenn ich mich mit jemandem unterhalte, der sie erlebt hat. Stellt sich die Frage, braucht es diese emotionale Facette, wenn man sich über die Vergangenheit informiert? Einerseits nicht. Ich muss auch nicht nachfühlen, wie Menschen lebten, wenn ich mich über die Rolle der katholischen Kirche im Mittelalter informiere. Wenn mich dabei aber gleichzeitig auch die Menschen interessieren, wird dieses Kapitel der Geschichte vielleicht ein Stück näher rücken und ich werde es auch mehr verinnerlichen.

Und genau das ist doch ein Anliegen der Holocaust Education. Hier geht es nicht nur um Information, sondern auch darum, zu vermitteln, dass so etwas wie die Schoa nicht mehr passieren soll, nicht mehr passieren darf. Und ja, das funktioniert am besten, wenn Fakten verbunden werden mit konkreten Lebensgeschichten, konkreten Menschen, konkreten Schicksalen, mit denen man sich identifizieren kann. Und während sich die Zeitzeugen nach und nach von dieser Welt verabschieden, bleiben die Orte, an denen sie gelebt und gelitten haben. Das bietet einen Anknüpfpunkt, um Geschichte weiterhin auf das herunterzubrechen, was sie für das Individuum bedeutet hat.