Angenommen, Ihre Familie würde Hunger leiden, und Sie wüssten, dass der Verkauf eines Ihrer Kinder den Tod der anderen verhindern könnte: Würden Sie das tun? Es ist natürlich grundsätzlich eine schockierende Tatsache, dass es möglich ist, in Afghanistan ein Kind zu kaufen. Es ist eine Realität, die jetzt als Reaktion auf die schreckliche Hungersituation in den abgelegenen Provinzen des Landes zunimmt. Aber abgesehen davon ist es kaum vorstellbar, wie schrecklich das für Mütter und Väter sein muss.

Asuntha Charles ist Landesdirektorin von World Vision in Afghanistan. - © World Vision
Asuntha Charles ist Landesdirektorin von World Vision in Afghanistan. - © World Vision

David Beasley, der Direktor des UN-Welternährungsprogramms (WFP), hat vor kurzem an die Verantwortlichen in Politik und Wirtschaft appelliert, zu handeln und zu spenden: "Stellen Sie sich vor, es wäre Ihr kleines Mädchen, Ihr kleiner Junge oder Ihr Enkelkind, das zu verhungern droht - Sie würden alles tun, was Sie können." Für die Wohlhabenden lautet die Entscheidung: spenden oder nicht. Für die afghanischen Eltern ist es eine andere Entscheidung: Welches Kind sollen sie für Lebensmittel verkaufen?

Viele Mädchen landen in Zwangsehen. - © afp / Hector Retamal
Viele Mädchen landen in Zwangsehen. - © afp / Hector Retamal

Die Lage in Afghanistan ist so schlimm, dass unsere engagierten Nothelfer, die Nahrungsmittel in die entlegenen Gebiete bringen, zusätzlich aktiv wurden: Sie haben einen bürointernen Fonds eingerichtet, um verzweifelte Familien zu unterstützen und davon abzuhalten, ihre eigenen Töchter zu verkaufen. Diese oft noch sehr jungen Mädchen werden sonst mit älteren Männern verheiratet oder für Zwangsarbeit verkauft. Diese Praktiken gab es zwar schon vor der Machtübernahme durch die Taliban, sie haben sich aber durch die Hungerkrise noch verschlimmert.

Asuntha Charles in einem Flüchtlingscamp in Herat. - © World Vision / Brett Tarver
Asuntha Charles in einem Flüchtlingscamp in Herat. - © World Vision / Brett Tarver

World Vision verteilt Lebensmittel, die uns vom WFP für die abgelegenen und gebirgigen Provinzen im Westen Afghanistans zur Verfügung gestellt werden. Alle diese Provinzen sind auf einer Karte rot markiert. Das steht für "Notfall" und ist eine Kategorisierung der Ernährungssituation, die globale Experten für Ernährungssicherheit vorgenommen haben. Tatsächlich ist der größte Teil Afghanistans jetzt rot - und nur noch einen Schritt von der schwarzen Farbe für "Hungersnot" entfernt.

Eine Million Kinder
könnten sterben

Afghanistan steht also vor seiner schlimmsten Hungerkrise seit Menschengedenken. Laut jüngsten Statistiken sind mehr als die Hälfte der 40 Millionen Einwohner akut unterernährt, Kinder sterben bereits an Hunger. Und im Winter wird sich die Lage weiter verschlimmern. Entlegene Gebiete könnten bald durch Schneefälle für bis zu vier Monate abgeschnitten sein. Uns läuft die Zeit davon, um Nahrungsmittelhilfe in Dörfer zu bringen, die bald nicht mehr erreichbar sein werden.

Die Situation ist trist: Internationale Finanzmittel, mit denen wichtige Sektoren wie Gesundheit, Bildung und Entwicklung unterstützt wurden, sind weitgehend eingestellt worden. Das Gesundheitssystem ist zusammengebrochen, weil die Weltbank die laufende Finanzierung der Gehälter und Betriebskosten von Spitälern beendet hat. Sanktionen und Beschränkungen der Geldströme nach Afghanistan haben zu einer Finanzierungs- und Liquiditätskrise geführt.

Die Bevölkerung zahlt nun den hohen Preis dieser Beschränkungen. Die Arbeitslosigkeit ist auch in den Städten hoch, und die Menschen sind mit einer Wirtschaft im freien Fall konfrontiert. Die Hälfte aller Kinder unter fünf Jahren - etwa 3,2 Millionen - dürfte bis Ende des Jahres an akuter Unterernährung leiden. Eine Million Kinder sind ohne sofortige lebensrettende Behandlung vom Tod bedroht.

Obwohl die Geberländer nach einer Welle der Unterstützung und weltweiter Aufmerksamkeit kürzlich mehr als eine Milliarde US-Dollar zugesagt haben, ist die humanitäre Hilfe für Afghanistan nach wie vor unterfinanziert. Die weitere Katastrophe zeichnet sich leider bereits ab: In einigen Wochen werden die Menschen in vielen Ländern beim Weihnachtsessen und beim Auspacken der Geschenke im Fernsehen Bilder von hungernden und ausgemergelten Kindern in verarmten afghanischen Dörfern sehen. Diese Bilder werden ein Übermaß an Händeringen und Großzügigkeit anstoßen. Aber dann wird es schon zu spät sein. Es wird nahezu unmöglich sein, Lebensmitteltransporter über die Bergpässe zu bringen. Und die durch Unterernährung geschwächten Kinder werden bereits an Kälte oder an Krankheiten wie Tuberkulose sterben.

Wir dürfen das nicht zulassen. In der heutigen Zeit darf kein Kind verhungern und keine Familie die unmöglichen Entscheidungen treffen müssen, zu denen sie jetzt gezwungen sind.