Es gibt ein Wienerlied, das höchst politisch ist, Heinz Conrads hat es gern gesungen: "A Schneeflockerl und a Ruaßflankerl". Es ist die Geschichte eines Buben namens Karl: "Und hat so schöne blonde (!) Schneckerlhaar, / nur macht er echt a große Wirtschaft zaus. / Der Karli räumt so gern den Ofen aus. / Die Mutter schimpft, da Klane folgt net gern. / Die Mutter
sagt, jetzt wirst a Gschichtl hörn."

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, jüngst ist bei Haymon "Sprachwitze. Die Formen. Die Techniken. Die jüdischen Wurzeln. Mit mehr als 500 Beispielen" erschienen.
Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, jüngst ist bei Haymon "Sprachwitze. Die Formen. Die Techniken. Die jüdischen Wurzeln. Mit mehr als 500 Beispielen" erschienen.

Dann wird es politisch unkorrekt. "A Schneeflockerl und a Ruaßflankerl, / die spieln Fangen um die Wett. / Sagt s Schneeflockerl zua den Ruaßflankerl: / Mi dawischt du neamals net. / Aber s Ruaßflankerl hat des Schneeflockerl doch erwischt, / und es ham sich dann schwarz und weiß mitanander gmischt. / Und s Schneeflockerl und des Ruaßflankerl / san jetzt schwarz wia die Nacht. / Wer sich min Ruaß was anfangt, / der hat sich immer dreckig gmacht."

"Ruaß", das ist der Pöbel, der Abschaum der Gesellschaft; auch in Heimito von Doderers Roman "Die Dämonen" wird das Wort so verwendet. Die Vorarbeiten unter dem Titel "Die Dämonen der Ostmark" stammen aus der Mitte der 1930er Jahre, als Doderer der NSDAP beitrat und sich mit dem Konzept des Romans bei der Reichsschrifttumskammer anbiederte. Ruaß in diesem Sinn ist ganz eindeutig ein Austriazismus. Julius Jakob führt in
seinem 1929 erschienenen "Wörterbuch des Wiener Dialekts" eine weitere Bedeutung an: "verächtliche Weibsperson, Dirne".

Zurück zum besagten Wienerlied. Der kleine Karli wird zum Charly, ein Spieler, Wetter, Trinker. "Der Charly glaubt, er reißt sich noch heraus. / Doch
is er viel zu schwach, es wird
nix draus. / Da sieht man, was aus einem wird, / wenn man vergisst die Mutter und ihr Liad." Wer sich mit Ruaßflankerln herumtreibt, gerät auf die schiefe Bahn.

Mit einer ähnlich motivierten Wortprägung, allerdings auf Weiß bezogen, greift nun von den USA aus ein Kampfbegriff um sich: die Schneeflocken-Generation. Der Ausdruck wird abwertend für die Millennials gebraucht, sie gelten als verletzlich und nicht lebenstauglich. Gleichzeitig würden sie für sich in Anspruch nehmen, etwas Besonderes zu sein. Schneeflocken haben im Mikroskop bizarre Strukturen, wenn
du eine Flocke in die Hand nimmst, schmilzt sie. Die
heutige Verwendung wird Chuck Palahniuk zugeschrieben. In seinem Roman "Fight Club"
und auch in der Verfilmung
mit Brad Pitt findet sich der
Satz: "You are not special, you are not a beautiful and unique snowflake".

Mit dem Ausdruck Snowflake werden in den USA grob gesprochen die Liberals, also die Linken, von den Rechten angegriffen. Problematisch ist auch die Generalisierung: Gleich einer ganzen Generation wird Verweichlichung und Egozentrik vorgeworfen.

Dabei haben es diese jungen Leute nicht einfach, sie werden in prekäre Arbeitsverhältnisse gedrängt; außerdem ist in Zeiten von Corona auch die Kontakt-
aufnahme mit anderen Menschen, und damit auch die Partnersuche, nur eingeschränkt möglich. An ein "Fangerlspielen um die Wette" ist nicht zu
denken.