Holger Rust, geboren 1946, ist Publizist und Professor für Soziologie in Hannover.

Holger Rust, geboren 1946, ist Publizist und Professor für Soziologie in Hannover.

Nun leben wir wieder einmal, von einem Tag auf den anderen, in unserer eigenen Zukunft. Da, wo wir sehen können, was aus dem geworden ist, was "Seher" gestern sahen - also all jene selbst akkreditierten Trendforscher, Pop-Philosophen und die, die ganz gleich, worum es geht, immer etwas zu sagen haben.

Natürlich sagten alle auch etwas zu Corona, und zwar schon im März 2020: Künstliche Intelligenz würde weitere Pandemien voraussagen können (Börsenguru Markus Horntrich), das "Ende der Alphatiere" breche an (Zukunftsforscher Opaschowski), eine "neue Beseeltheit im Umgang miteinander" mache sich breit (Trendforscherin Li Edelkoort). Natürlich wurde auch diese "Krise eine Chance", so Senior-Zukunftsdeuter Matthias Horx.

Im Übrigen versetzte uns dieser ungefragt in jenem März in einer vorausschauenden Rückschau aus dem September 2020 in ein Straßen-Café. Es würde warm sein. Und wir würden uns wundern. Denn: Nach einer ersten Schockstarre fühlten sich viele erleichtert, "dass das viele Rennen, Reden, Kommunizieren auf Multikanälen plötzlich zu einem Halt kam. (...) Die gesellschaftliche Höflichkeit (...) stieg an. (...) Bei Fußballspielen (herrschte) eine ganz andere Stimmung als im Frühjahr, als es jede Menge Massen-Wut-Pöbeleien gab." Und: "Fake News verloren rapide an Marktwert. Auch Verschwörungstheorien wirkten plötzlich wie Ladenhüter."

Der September 2020 war recht warm, das stimmt. Sonst eigentlich nichts - was sich auch in den Aktivitäten des neuen "Querdenker"-Milieus abzeichnete. Aber unverdrossen wurde weiterorakelt, und so warten wir jetzt auf die Erfüllung der vom selben Guru ein Jahr später, als Wut-Pöbeleien den Alltag nicht nur im Fußball prägten, in geradezu hegelianisch mehrdeutiger Philosophie verklausulierten Prophezeiung eines "pandemischen Equilibriums".

Apropos Philosophie: Es äußerte sich auch Richard D. Precht, und zwar zur Kinderimpfung gegen Corona, worauf der Journalist Marco Evers Precht im "Spiegel" als "Dr. Wirrkopf" bezeichnete. Die Folge war ein Shitstorm. Gegen Evers. Wegen Prechteslästerung. Nun ist Prechts Themenpalette so groß, dass die "FAZ" ihn schon zum "Dr. Allwissend" befördert hatte, weil man gar nicht mehr nachkomme: Künstliche Intelligenz, Arbeit, Schule, Testosteron, Soziales Jahr, Liebe & Corona, Politik und ihre Zukunft ... So legte er im Mai 2021 bei Corinna Milborn dem damaligen Kanzler die Karten: "Kurz wird Österreich länger regieren als Fidel Castro Kuba."

Immanuel Kant, auch ein Philosoph, aber nach Meinung von Precht-Schülern eher unverständlich, hat derartige Zukünfteleien in seiner Schrift "Träume eines Geistersehers" sehr verständlich charakterisiert: Er, Kant, bekenne "mit einer gewissen Demüthigung, dass er so treuherzig war, der Wahrheit einiger Erzählungen von der erwähnten Art nachzuspüren. Er fand - wie gemeiniglich, wo man nichts zu suchen hat - er fand nichts."