Das Beste wäre, der Wissenschaft zu folgen. Diesen Ratschlag müssen sich Politiker aller Couleurs in jüngster Zeit oft anhören. Ob es um den Klimawandel oder Corona, um die Kernkraft oder die Reformen im Bildungswesen geht: Jede wissenschaftliche Expertise scheint eine Handlungsanleitung zu beinhalten, der sich nur Ignoranten verweigern können. Die Qualität politischer Entscheidungen wird daran gemessen, wie sehr es gelingt, die Empfehlungen und Vorgaben der Experten umzusetzen.

Der Autor ist ein österreichischer Philosoph, Essayist und Kulturpublizist. Er ist Universitätsprofessor für "Methoden der Vermittlung von Philosophie und Ethik" an der Universität Wien. - © Heribert Corn
Der Autor ist ein österreichischer Philosoph, Essayist und Kulturpublizist. Er ist Universitätsprofessor für "Methoden der Vermittlung von Philosophie und Ethik" an der Universität Wien. - © Heribert Corn

Auf den ersten Blick ist dies auch vernünftig. Wissenschaft und Technik bestimmen in vielen Bereichen unser Leben. Für dabei auftretende Fehlentwicklungen und Schäden gilt der Satz aus Richard Wagners "Parsifal": Die Wunde schließt der Speer nur, der sie schlug. Nur technische Innovationen sind imstande, die negativen Folgen des Fortschritts aufzufangen und zu korrigieren. Wer sich dem Imperativ, der Wissenschaft zu folgen, verweigern wollte, geriete schnell in den Geruch, ein Romantiker, Irrationalist oder Fantast zu sein.

Doch so einfach ist die Sache nicht. Und dies nicht deshalb, weil es sinnvolle Alternativen zur wissenschaftlichen Rationalität gäbe. Die gibt es nicht. Aber, und dies wird gerne übersehen, es liegt im Wesen der neuzeitlichen Wissenschaft, dass aus ihren Erkenntnissen tatsächlich keine unmittelbaren Handlungsanleitungen folgen. Wissenschaft beschreibt, erklärt, experimentiert, formuliert Hypothesen und entwickelt Modelle, die unterschiedliche mögliche Szenarien antizipieren. Was dann getan, wie im Ernstfall gehandelt werden soll, ist jedoch keine Frage der Wissenschaft. Die Forschung bestätigt einen statistisch relevanten Zusammenhang zwischen Tabakkonsum und Lungenkrebs. Ob Raucher diese Einsicht berücksichtigen oder nicht, bleibt ihnen überlassen. Beschließt eine Gesellschaft, auf Basis der medizinischen Befunde die Gesundheit ihrer Mitglieder durch Rauchverbote zu schützen, ist dies eine politische Maßnahme.

Die Aufgabe der Politik besteht in der Ordnung des Gemeinwesens. Sie wird dazu das Wissen über die Welt und die Menschen nicht ignorieren und vor allem die Grundlagenforschung fördern, um die Wissenschaft selbst nicht kurzfristigen Interessen auszuliefern. Die Politik kann ihre Entscheidungen durch Forschungsergebnisse stützen, sie kann sich diese aber nicht von Fachleuten abnehmen lassen.

Da Wissenschaft kein monolithisches, sondern ein dynamisches Unternehmen ist, das durch konkurrierende Theorien und offene Debatten gekennzeichnet ist, gibt es in ihr prinzipiell nicht jene Eindeutigkeit, die manche sich als Leitfaden ersehnen. An der aktuellen Kontroverse um den grünen Charakter der Atomenergie lässt sich dies ablesen. Wie und ob man die CO2-Neutralität von AKW gegen die ungelösten Probleme der Endlagerung und das Risiko von Verstrahlungen nach Unfällen aufrechnet, ist eine politische Frage. Sie wird durch die Machtverhältnisse, nicht durch Gutachten beantwortet.

Dass Experten die besseren Politiker wären, war immer schon ein Irrtum. Die Technokratie ist keine Lösung, weil diese selbst einen verengten Blick auf die Welt darstellt. Die atemberaubenden Erfolge der modernen Wissenschaften haben auch eine gewisse Distanz zur Gesellschaft zur Voraussetzung. Wir sollten deshalb die Gestaltung unseres Zusammenlebens ohne Erröten als politische Aufgabe begreifen. Das bedeutet weder Ignoranz noch Skepsis gegenüber der Wissenschaft, sondern verweist darauf, dass in einer Demokratie die Verantwortung bei den Bürgern liegt. Die Wissenschaft taugt weder als Ausrede noch als Feigenblatt für die Politik.