Europa, so konnte man neulich in der "Neuen Zürcher Zeitung" lesen, müsse sich angesichts der russischen Aggression zu einer "Werte-Supermacht" entwickeln. Diese Forderung wirkt einigermaßen erstaunlich, ist doch gegenwärtig zu beobachten, wie die europäischen Werte in einem atemberaubenden Tempo erodieren. Friedenssicherung durch Dialogbereitschaft, Wandel durch Handel, die moralische Diskreditierung alles Militärischen, das Aufbrechen von geschlechtsspezifischen Rollenzuschreibungen, die Freiheit der Meinung, die Toleranz gegenüber Andersdenkenden und die Segnungen der Globalisierung: All diese Konzepte und Visionen sind in kürzester Zeit verdampft. Jetzt gelten Aufrüstung und militärische Abschreckung als Gebot der Stunde, ökonomische Verflechtungen haben ihre Unschuld verloren, Frauen fliehen, während Männer wieder kämpfen und sterben, Medien, die verdächtigt werden, der Propaganda des Feindes zu dienen, werden ruckzuck verboten, Vorsicht und Nachdenklichkeit gelten als Verrat an der guten Sache, und in der Wirtschaft mutiert die verachtete Autarkie zum neuen Ideal.

Der Autor ist ein österreichischer Philosoph, Essayist und Kulturpublizist. Er ist Universitätsprofessor für "Methoden der Vermittlung von Philosophie und Ethik" an der Universität Wien. - © Heribert Corn
Der Autor ist ein österreichischer Philosoph, Essayist und Kulturpublizist. Er ist Universitätsprofessor für "Methoden der Vermittlung von Philosophie und Ethik" an der Universität Wien. - © Heribert Corn

Diese Verschiebungen in unseren Werthaltungen sind durchaus bemerkenswert. Gewissheiten, die für unumstößlich galten, lösen sich auf, ohne große Diskussionen. Mitunter hat man den Eindruck, dass mit Erleichterung, ja Euphorie wieder von Tugenden gesprochen wird, die lange verpönt waren: Mut, Tapferkeit, Durchhaltevermögen, Opferbereitschaft, Nationalstolz. Und manch alter kalter Krieger sonnt sich im wohligen Gefühl, es immer schon gewusst zu haben. Kaum ein Satz wurde in den letzten Wochen so oft strapaziert wie die römische Sentenz "Si vis pacem para bellum" - "Wenn du den Frieden willst, bereite den Krieg vor". Vor dem Einmarsch der Russen in die Ukraine galt diese Formel als Ausweis einer reaktionären, gar rechtsradikalen Gesinnung. Heute grundiert sie die Einsicht in eine vermeintliche Notwendigkeit.

Dass Werte sich wandeln, ist nichts Außergewöhnliches. Werte drücken vorrangig subjektive Präferenzen und Geschmacksvorlieben aus, und diese können sich je nach Umständen rasch ändern. Der Vorteil von Werten gegenüber anderen moralischen Ansprüchen, wie sie etwa in göttlichen Geboten oder kategorischen Imperativen zum Ausdruck kommen, liegt in dieser Flexibilität. Wo von Werten die Rede ist, geht es auch um Auf- und Abwertungen, um Ent- und Umwertungen. Friedrich Nietzsche hat deshalb den Begriff des Werts aus der Ökonomie in die Philosophie importiert und dort stark gemacht. Der Verkünder des Willens zur Macht wollte damit die rigiden Ansprüche einer religiös geprägten Ethik oder einer kantianisch imprägnierten Sittenlehre aus den Angeln heben. Die Beschwörung der Werte macht uns in Fragen der Moral nicht unbestechlich, sondern elastisch und anpassungsfähig.

Werte sind keine Prinzipien. Was uns unsere Werte tatsächlich wert sind, zeigt sich in letzter Konsequenz dann, wenn ganz handfest die Rechnung präsentiert wird. Werte gibt es nicht umsonst. Ihre Proklamation ist zwar wohlfeil, ihre Durchsetzung aber teuer. Vielleicht haben wir das vergessen. Werte, so formulierte es der Kulturtheoretiker Wolfgang Ullrich, muss man sich erst einmal leisten können. Erhöhen sich die materiellen und immateriellen Kosten für das Festhalten an Werten, stellen wir diese ziemlich schnell in Frage. Wie viel an abgesenkter Raumtemperatur uns im nächsten Winter die Freiheit der Ukraine tatsächlich wert sein wird, wird sich weisen. Eine politische Gemeinschaft jedenfalls, die sich auf solch fluide Werte stützt, gleicht einer Sandburg. Mit dem ersten Windhauch der Geschichte wird sie in sich zusammenfallen.