Seine Reise mitten im Krieg und geradewegs zum kriegführenden Wladimir Putin nach Moskau hat Bundeskanzler Karl Nehammer am Montag in die Schlagzeilen der Weltnachrichten geworfen. Noch bevor sie begonnen, geschweige denn zu Ende gebracht war, hatten bereits viele eine abgeschlossene Meinung zu dem Unterfangen. Auch deshalb hatte Nehammer zuvor zutreffend von einer "Risikomission" gesprochen.

- © Luiza Puiu
© Luiza Puiu

So muss man das wohl nennen, wenn Kritiker wie Befürworter des Treffens mit dem Aggressor gute Argumente auf ihrer Seite haben. Wie anders als eine "Selbstüberschätzung des österreichischen Bundeskanzlers", wie es der Vizebürgermeister der niedergebombten ukrainischen Stadt Mariupol es formulierte, soll man das nennen? Und die Gefahr, dass Putin den Besuch für seine Zwecke instrumentalisiert, ist real. Zumal Nehammer erst seit fünf Monaten im Amt ist und auch davor kaum außenpolitische Erfahrung sammeln konnte.

Wenn allerdings stimmt, worüber zunehmend spekuliert wird, dass Putin sich in einem Ausmaß von einer authentischen Sicht auf die Realität - der politischen, militärischen und ökonomischen - isoliert habe, kann eine persönliche Konfrontation mit der ungeschminkten Wirklichkeit vielleicht doch etwas bewirken.

In diesem Satz sind viele Möglichkeitsformen und wenig Gewissheiten. So gesehen passt er in die Gesamtsituation, in der das Sterben und Morden, die Zerstörung und das Verbrechen Wirklichkeit sind. Und die Hilflosigkeit, all dies schnell zu stoppen.

Mit dem Gegner, mit dem Feind, dem Aggressor zu reden, kann in verschiedenen Situationen falsch sein. Nicht-Kommunikation als kategorische Leitlinie, wie sie jetzt auch gegenüber Putin von einigen gefordert wird, läuft aber auf eine Absage an Politik hinaus. Um das so zu sehen, muss man rechtlich nicht neutral sein. Es ist die Kernaufgabe von Politik, aus noch so verfahrenen Konstellationen nach Auswegen zu fahnden. Ein solcher gelingt meist nur im Märchen als Durchbruch bei einem Treffen. In der Regel besteht der Anfang vom Ende der Gewalt in einer Vielzahl kleiner Schritte, von denen sich im Nachhinein kaum sagen lässt, wann der erste gesetzt wurde.

Im besten Fall erweist sich also Nehammers Treffen mit Putin als konstruktiver Teil eines solchen vielschichtigen Prozesses, das Morden und Sterben und Zerstören zu beenden. Ob man es anders - und mit anderen - hätte besser machen können? Vielleicht. Womöglich geschieht das ohnehin. Falsch wäre, nichts zu versuchen. Zum Frieden ist es ohnehin noch weit.