Während die Energiepreise und die Lebenskosten auf globaler Ebene steigen, hat EZB-Chefin Christine Lagarde beim Weltwirtschaftsforum in Davos davon gesprochen, dass sie aktuell "keine Rezession in der Eurozone" sehe. Diese Einschätzung soll nun zum Anlass genommen werden, die ökonomischen Herausforderungen der vergangenen Jahre und Monate kompakt zu skizzieren, um in Erinnerung zu rufen, in welcher schwierigen Wirtschaftslage wir uns derzeit in Österreich tatsächlich befinden.

Marlon Possard ist Dozent und wissenschaftlicher Mitarbeiter für Externes Rechnungswesen, Steuerrecht und Wirtschaft sowie Präsident des Akademischen Börsenvereines Innsbruck. Ab September lehrt er an der Wirtschaftsuniversität Wien (WU). - © privat
Marlon Possard ist Dozent und wissenschaftlicher Mitarbeiter für Externes Rechnungswesen, Steuerrecht und Wirtschaft sowie Präsident des Akademischen Börsenvereines Innsbruck. Ab September lehrt er an der Wirtschaftsuniversität Wien (WU). - © privat

Ich kann mich noch gut erinnern, als ich am 16. März 2020 den Fernseher einschaltete, um das aktuelle Corona-Geschehen zu verfolgen. Und dann war auch schon von einem (ersten) Lockdown die Rede. Jeder Lockdown belastet die Wirtschaft auf bestimmte Art und Weise, jedes Herunterfahren schadet dem Finanzmarkt, weil die Wirtschaft aus ihren geordneten Bahnen geworfen wird. Erst im Nachhinein wird der wirtschaftliche Schaden auch tatsächlich ersichtlich und spürbar. Natürlich kann man sagen: "Das hat es immer schon gegeben." Oder: "Eine Wirtschaft muss das aushalten können." Und ja, beiden Argumenten kann man in ihren Grundzügen zustimmen, wenn man sich historisch mit Einflüssen auf den Finanz- und Wirtschaftsmarkt beschäftigt. Das Wirtschaftsgeschehen war und ist nie frei von negativen Faktoren, und die Ökonomie ist per se kein Bereich, der sich rein in einem sicheren Sektor platzieren kann. Denn wirtschaftliche Effizienz ist nur dann gegeben, wenn alle Räder (Soziales, Politisches, Wirtschaftliches) ineinandergreifen. Die Auswirkungen der Corona-Pandemie konnten - zumindest in Österreich - eingedämmt werden, da die Gegenmaßnahmen, die ergriffen wurden, dazu beigetragen haben. Erwähnenswert sind diesbezüglich diverse Haftungen, die Etablierung eines Härtefonds und des Umsatzersatzes, aber auch die Option der Kurzarbeit.

Dass uns nach dem pandemischen Geschehen nun auch noch der russische Angriffskrieg auf die Ukraine ökonomisch belasten würde, konnte damals wirklich noch niemand erahnen - was die aktuelle Situation aber nicht leichter macht. Im Gegenteil: Russland droht Österreich damit, Gaslieferungen zu stoppen. Damit könnte der beginnende ökonomische Aufschwung nach Corona wieder eingebremst werden. Was wirtschaftspolitisch immer schwierig ist, ist ein Abhängigkeitsverhältnis. Das zeigt sich derzeit aber vor allem zwischen Österreich beziehungsweise der EU und Russland.

Wenn also EZB-Chefin Lagarde davon spricht, keine Gefahr einer Rezession zu sehen, dann muss ich sie enttäuschen: Eine solche besteht und ist präsent, und ich sehe sie auch in Österreich, selbst wenn meist damit argumentiert wird, dass eine Rezession nur in jenen Ländern wahrscheinlich sei, die eine schwache, instabile Wirtschaft aufweisen würden.

Wenn kein russisches Gas mehr nach Österreich geliefert wird, dann ist eine Rezession fast unausweichlich. Ein Ölembargo der EU, das derzeit kontrovers diskutiert wird, ist menschlich ob des Leides und der Menschenrechtsverletzungen absolut zu verstehen, jedoch ökonomisch auch ein gefährlicher Weg. Wesentlich dabei wird sein, Pro und Contra politisch abzuwägen.