Die geopolitische Plattentektonik verschiebt sich, und wie bei jedem Erdbeben gibt es ein Epizentrum. Dieses Epizentrum liegt in der Ukraine. In der deutschen Sprache - wie könnte es anders sein? - gibt es für solche historischen politischen Beben ein höchst treffliches Kompositum: Zeitenwende.

Dieses Wort war in der Kernpassage der Rede des deutschen Bundeskanzlers enthalten, die Olaf Scholz am 27. Februar 2022 im Bundestag unter dem Schock der russischen Invasion in der Ukraine hielt: "Wir erleben eine Zeitenwende. Und das bedeutet: Die Welt danach ist nicht mehr dieselbe wie die Welt davor."

Das G7-Treffen auf Schloss Elmau in Bayern findet nun exakt vier Monate nach dieser Rede statt, und bereits heute lässt sich sagen, dass an eine Rückkehr in die Ära der Globalisierung der vergangenen 25 Jahre nicht zu denken ist.

Die Globalisierungsdividende in Form von billiger, allzeit verfügbarer Energie, Rohstoffen und Konsumgütern ist versiegt. Und der Traum vom Frieden in Europa ist schon lange ausgeträumt: Der Krieg in der Ukraine hat schon den vergangenen G7-Gipfel in Elmau im Jahr 2015 dominiert. Und waren die russischen Militäroperationen, die im Jahr 2014 begannen, damals auf die Krim und die Ostukraine beschränkt, führt der Kreml nun den totalen Krieg auf breiter Front gegen die Ukraine. Und damit ist auch die Friedensdividende, an die sich die Europäer nach dem Ende des Blockkonflikts gewöhnt haben, perdu. Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg hat angekündigt, die schnelle Einsatztruppe von 40.000 auf 300.000 Mann aufzustocken, um in der Lage zu sein, einem russischen Angriff auf Nato-Territorium zu begegnen. Der Westen befindet sich längst in einem Wirtschaftskrieg mit Wladimir Putins Russland, das aufgrund der Sanktionen keine Kreditzahlungen mehr leisten kann.

Solange im Kreml die Silowiki rund um Putin das Sagen haben, solange Russland den Krieg nach Europa trägt und die Sicherheit auf dem Kontinent gefährdet, wird es kein Zurück zur Normalität geben. Auch wenn die Politik in Österreich es bisher vermeidet, der Bevölkerung die bittere Wahrheit zuzumuten, muss man davon ausgehen, dass nach dem heißen Sommer ein kalter Winter kommt. Es droht ein Energieschock wie in den 1970ern.

Wenn die G7 zusammenstehen, können die Schockwellen einigermaßen abgefedert werden; wenn nicht, wird es besonders jene, die sich in den vergangenen Jahrzehnten bar jeder Vernunft in russische Gas-Geiselhaft begeben haben (darunter Österreich und Deutschland), besonders schwer treffen. Der Tremor der Verschiebung der geopolitischen Plattentektonik ist spürbar. Eine Zeitenwende eben.