Dass die Pflicht der Diplomatie in wechselseitigen und unaufhörlichen Zugeständnissen liege, wie Bismarck für sein 19. Jahrhundert noch überzeugt war, ist heute durchaus umstritten. Und das, obwohl noch die ärgsten Gegner hinter verschlossenen Türen und abgeschirmt von der Öffentlichkeit zumindest versuchen, miteinander ins Gespräch zu kommen.

Walter Hämmerle ist Chefredakteur der "Wiener Zeitung". 
- © Luiza Puiu

Walter Hämmerle ist Chefredakteur der "Wiener Zeitung".

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Dies geschieht und sogar unentwegt, selbst mit einigen der erbittertsten Gegner von allem, was die Idee einer internationalen Gemeinschaft repräsentiert: Afghanistans Taliban, der somalischen Al-Shabaab-Miliz, Diktatoren wie Syriens Bassar Assad, Nordkoreas Kim Jong-un und etlichen mehr. Die populäre und medial weit verbreitete Forderung, dass man Diktatoren und Verbrechern aller Art in keiner Weise entgegenkommen dürfe, die Mahnung vor weiteren Münchner Abkommen 1938, ist also vor allem das: eine populäre und medial weit verbreitete Forderung, an die sich reale Diplomatie richtigerweise nur selten hält.

Eine Erfolgsgeschichte sieht trotzdem anders aus. Mit Russland hat es eine ausgeklügelte Architektur an vielfältigen politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Kanälen und Plattformen gegeben, die allesamt nicht verhindern konnten, dass Russland trotzdem in der Ukraine einmarschierte, samt anschließendem Wirtschaftskrieg. Das ist, wenn man die wechselseitigen Abhängigkeiten Russlands und Europas bedenkt, bestürzend.

Das lässt die aktuelle Eskalation der US-chinesischen Spannungen in einem noch bedrohlicheren Licht erscheinen. Es gibt wohl keinen Bereich der globalen Sicherheits-, Wirtschafts- und Klimaschutzarchitektur, für die die Beziehungen zwischen den beiden Führungsmächten nicht entscheidend wären. Und seit Jahren ist offensichtlich, dass die Konfrontation um Taiwan jenen Funken auslösen könnte, der den gefährlichsten Konflikt unseres Zeitalters zur Explosion bringen könnte.

Von daher muss auch diese, im Kern absehbare Zuspitzung als diplomatisches Managementversagen betrachtet werden, jedenfalls wenn man berücksichtigt, wie viel dabei für alle auf dem Spiel steht. (Die Möglichkeit, dass die Beteiligten eine vorab genau abgesprochene Inszenierung abliefern, ist eher unwahrscheinlich.) Von daher ist die Forderung, die der US-amerikanische Wirtschaftsforscher und China-Experte Stephen Roach kürzlich in einem Kommentar für die "Financial Times" stellte, höchst berechtigt. Die Beziehungen der beiden globalen Führungsmächte bedürften einer, so Roach, gründlichen Erneuerung und Überarbeitung.

Sein Vorschlag lautet, dass die USA und China ein gemeinsames, ständiges Sekretariat einrichten mit Experten aus allen relevanten Bereichen und angesiedelt in einem neutralen Rechtsraum. Das Ziel: ohne Unterlass die je eigenen Perspektiven, Interessen und mögliche Kompromissmöglichkeiten auszutauschen, um auf diesem Weg, aufziehende Konflikte rechtzeitig zu entschärfen.

Wenn es nur so einfach wäre. Es sind Gefühle, positive wie negative, die Politik wie Politiker an- und vor sich hertreiben. Das macht die Vorstellung, politische Konflikte ließen sich, kühl und nüchtern, einfach niederadministrieren, zwar reizvoll, aber illusionär. In den USA ist es die allgegenwärtige Angst vor dem eigenen Niedergang, in China die nicht minder gezielt geschürte Erinnerung an die einstige Demütigung durch fremde Mächte, die dieser Auseinandersetzung ihre existenzielle Wucht verleihen.

Richtig ist aber zweifellos, dass es auf beiden Seiten am unbedingten Willen fehlt, absehbare Krisen auch rechtzeitig zu entschärfen. Und nicht erst seit dem Besuch Nancy Pelosis in Taiwan. Das ist die eigentlich besorgniserregende Botschaft dieses gefährlichen Spiels mit dem Feuer. Und ja, Taiwan hat, genauso wie die Ukraine, ein Recht auf eine Zukunft in Freiheit und Demokratie.