Die Einsamkeit, da sind sich die Experten einig, nimmt zu. Die Digitalisierung, die Auflösung sozialer Gruppen, die schöne, neue Arbeitswelt, all das fördert den Anstieg von Einsamkeit. In einer steigenden Anzahl von Single-Haushalten sitzen mehr und mehr Menschen, die mit der ganzen Welt kommunizieren können, jederzeit erreichbar sind und feststellen, dass sie kein Schwein anruft. Viele Menschen sehnen sich nach nichts mehr als nach Zweisamkeit, Zärtlichkeit und einer stabilen Beziehung. Und so erhebt sich ein Wehklagen aus tausenden einsamen Kehlen: "Ich will nicht mehr alleine sein!"

Severin Groebner ist Kabarettist und Autor ("Lexikon der Nichtigkeiten"), alles Wissenswerte über ihn und von ihm gibt es unter http://www.severin-groebner.de. Sein aktuelles Programm heißt "ÜberHaltung".
Severin Groebner ist Kabarettist und Autor ("Lexikon der Nichtigkeiten"), alles Wissenswerte über ihn und von ihm gibt es unter http://www.severin-groebner.de. Sein aktuelles Programm heißt "ÜberHaltung".

Das ist ein ernstzunehmendes Problem. Andererseits ist es gar nicht das Schlimmste, was einem passieren kann. Vor allem, wenn man mal die Alternative zu Gesicht bekommt. Im Zug etwa. Der schlängelt sich durch ein liebliches österreichisches Tal. Berge, Seen, ein Fluss, der sogar noch Wasser führt, die Wälder links und rechts brennen nicht. Und in der Bahn, die durch dieses Idyll fährt, sitzt sich ein älteres Ehepaar an einem Tisch gegenüber. Er starrt vor sich hin, sie wischt auf ihrem Smartphone herum. Da macht es plötzlich "Bing". Eine Nachricht. Sie liest sie ihm vor: " ‚Ich liebe dich‘ zu sagen, dauert nur Sekunden / Es zu zeigen geht in Stunden / aber es zu beweisen dauert ein Leben lang. - Alles Gute zum 50. Hochzeitstag Armin und Sonja."

Er reagiert darauf ... nicht. Schweigend fahren sie weiter durch die Postkartenlandschaft. Da macht es wieder "Bing". Sie liest: "Die Kunst zu lieben besteht vor allem darin, sich nahe zu sein, ohne sich zu nahe zu treten, sich täglich zu sehen, ohne alltäglich zu werden, eins zu werden und doch zwei zu bleiben. - Alles Gute zu Eurem Feiertag Henriette und Hermann"

Er reagiert darauf wie vorher.

Und weiter geht’s. Draußen blühende Landschaften, drinnen 50 Jahre Glück. Es macht wieder "Bing". "An Eurem besonderen Tag/ lasst die Erinnerungen von gestern/ und das Lachen von heute / die Verheißung für morgen werden. - Gratulation zu 50 Jahren Ehe, in Liebe Eure Michaela"

Er sagt nichts. Sie schaut ihn nicht mal mehr an. Aber es hört nicht auf. Bing! "Fünfzig Jahre Ehestand / hat geknüpft ein starkes Band /das euch verbindet und vereint / hoffentlich noch lang und in Ewigkeit."

Da schnaubt er plötzlich.

Dieses unerwartete Lebenszeichen nimmt sie zum Anlass, es noch mal mit einem Gespräch zu versuchen: "Weißt Du noch, was Du vor 50 Jahre um die Zeit zu mir gesagt hast." Darauf er: "Nein." Dann sie wieder: "Ich weiß es noch genau." Er schaut sie kurz an und sagt dann: "Na, das reicht doch."

Sie seufzt. Er starrt weiter vor sich hin. Das Smartphone bleibt stumm.

Da richtet sie sich plötzlich auf, als hätte sie eine Entscheidung gefällt, lächelt ihn an und meint, die Restzärtlichkeit von 50 Ehejahren in der Stimme: "Setz dich doch neben mich, dann siehst Du mehr von der Landschaft!" In seinem unbeweglichen Gesicht sind kaum merkbare Veränderungen festzustellen. Er scheint irritiert. Doch nach einer halben Minute sagt er schließlich: "Ich sitz lieber hier, weil " - er deutet auf den Bildschirm, der die kommenden Stationen anzeigt - "dann weiß ich, wie lange es noch dauert." Ja, so schön kann Zweisamkeit sein. Bing!