Wer erinnert sich noch an das Waldsterben? In den 1980ern ging die Sorge um, dass Europas Wälder die enormen Schwefeldioxid- und Stickoxid-Belastungen durch Kraftwerke, Fabriken und den Autoverkehr nicht überleben könnten. Die Warnungen führten dazu, dass Abgasreinigungsanlagen und Katalysatoren eingeführt wurden, der saure Regen - einer der Hauptverursacher des Waldsterbens - gehörte in weiten Teilen Europas bald der Vergangenheit an, und das führte zu einer Entspannung der Situation. Die Wälder haben überlebt.

War die Warnung vor dem Waldsterben also nichts als pure Panikmache und aufgeregter Alarmismus?

Nein. Das sogenannte Präventionsparadoxon erklärt, warum diese kritischen Stimmen unrecht haben: Die Schadstoffreduktionsmaßnahmen haben die Wälder gerettet, das Waldsterben, das verhindert worden ist, wurde logischerweise nie Realität, jene, die meinten, "es war doch alles nur halb so schlimm", haben nicht bedacht, dass es nur deshalb "halb so schlimm" ist, weil eben gehandelt wurde. In der Pandemie wurde das Präventionsparadoxon einem Praxistest unterzogen.

In der Gegenwart ist ein pragmatischer Pessimismus durchaus gerechtfertigt: Gerade in den wohlstandsverwöhnten Gegenden der Welt muss man sich zwingen, auch die schlimmsten Optionen durchzudenken. Warum? Darum: Das Sars-CoV-2-Virus ist noch nicht besiegt. Die Klimakatastrophe ist längst nicht mehr eine drohende Gefahr, sondern Realität. Die globale Sicherheitsarchitektur ist kollabiert, der Ukraine-Krieg könnte weiter eskalieren und ein möglicher Konflikt China vs. Taiwan wäre ein möglicher Auslöser für den dritten Weltkrieg. Dazu kommt, dass das politische System der USA sich in einer wilden Dekadenz-Abwärtsspirale befindet.

Doch die Kassadra-Rufer stoßen auf taube Ohren, das vor ein paar Jahren erschienene Buch des Historikers Christopher Clark "Die Schlafwandler: Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog" vermag einigermaßen zu verstören, erst recht, wenn es im Gegenwartskontext gelesen wird. Die Weltlage ist trist und weit und breit sind keine politischen Führungsfiguren sichtbar, denen man Lösungen für die heutige Polykrise zutraut.

Hatte Arthur Schopenhauer also recht, als er schrieb, dass "der Optimismus (...) eine absurde, ja ruchlose Denkungsart und ein bitterer Hohn auf die Leiden der Menschheit" sei? Oder gibt es auch so etwas wie einen fröhlichen, zupackenden Pessimismus?

Der italienische Schriftsteller, Journalist, Politiker und marxistische Philosoph Antonio Gramsci hat es so formuliert: Es brauche einen "Pessimismus des Verstandes" und einen "Optimismus des Willens".

Resignation ist keine Option.