Auf der Titelseite der "Krone" war am Montag zu lesen: "ÖVP und Grüne stürzen ab. Tiroler Watschen für die Bundesregierung." Das ist aussagekräftig und volkstümlich formuliert. Mir taugt es, wenn das bei uns gängige Wort für Ohrfeige auch im Singular mit der Endung -n geschrieben wird, und zwar in einer Tageszeitung, also in einem standardsprachlichen Text.

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, jüngst ist bei Haymon "Sprachwitze. Die Formen. Die Techniken. Die jüdischen Wurzeln. Mit mehr als 500 Beispielen" erschienen.
Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, jüngst ist bei Haymon "Sprachwitze. Die Formen. Die Techniken. Die jüdischen Wurzeln. Mit mehr als 500 Beispielen" erschienen.

Es gibt nichts Schlimmeres als die obergescheit daherkommende endungslose Form: "Das war eine Watsche für die Regierung, für eine Partei, für einen Politiker usw."

So reden wir nicht, warum sollten wir so schreiben? In manchen Zeitungen ist "die Watsche" üblich, es ist der klägliche Versuch, ein deftiges dialektales Wort an einen hohen Sprachstandard anzupassen: "Frankreichs Präsident Emmanuel Macron hat bei einer Reise nach Südfrankreich eine Watsche kassiert. Der Angreifer schlug Macron mit der rechten Hand ins Gesicht." Entsetzlich.

Watschen ist ein schönes Beispiel dafür, dass im Süden des Sprachraums in der Umgangssprache viele auf -e endende Feminina auch im Singular ein -n haben. Diese Entwicklung ist am Ende des Mittelalters eingetreten, die mitteldeutsche Standardsprache ging damals einen anderen Weg. Es heißt also bei uns "eine Watschen", "zwei Watschen" usw. Im Grimm’schen Wörterbuch liest man, dass der Ausdruck in Bayern und in Österreich am meisten Eingang in die allgemeine Sprache gefunden und sich von hier aus auch weiter verbreitet hat. "Schon Mozart gebraucht es im Briefstil: Noch von Wien aus bittet er, ... der Nannerl ein paar Ohrfeigen, ein paar Maulschellen, ein paar Wachteln, ein paar Watschen, ein paar Faunzen und ein paar Maultaschen zu geben."

Nestroy lässt in "Lumpazivagabundus" den Schneidergesellen Zwirn folgendes sagen: "Ich wär ja hinlänglich zufrieden gewesen, wenn er mir für eine jede Tochter eine Watschen gegeben hätte, aber zwei Watschen, das ist ja ein offenbarer Luxus."

Als Wolfgang Ambros feststellte, dass man in seinem Lied "Zwicks mi" die Wendung "wem ane picken" nicht einmal mehr in Bayern versteht, ging er noch einmal ins Studio und sang einen etwas veränderten Text ein: "Könnt ma ned vielleicht irgendwer / a Watschn geben?"

Eigentlich sollte man immer "Watschn" schreiben, das Oktoberfest findet ja auch auf der "Wiesn" statt und es werden "Schweinshaxn" und "Brezn" gegessen. Aber "Watschn" ergibt ein stark dialektal wirkendes Schriftbild.

Dass der Singular und der Plural ident sind, ist kein Problem, aus dem Kontext lässt sich in gefühlt 99 Prozent der Fälle ablesen, was gemeint ist.

"Du wirst auch noch deine Watschen kriegen!" Das ist die Mehrzahl. "Eine Watschen, die sich gewaschen hat." Das ist Einzahl.

Nur bei "Tiroler Watschen für die Bundesregierung" könnte man durch den Telegrammstil beckmesserisch die Frage stellen: Ist eine einzige Ohrfeige gemeint? Oder gar mehrere?

Die Schlagzeile wäre in beiden Fällen gleich. Aber Watschen ist in diesem Fall wohl der Singular, es war ja ein einzelnes Wahlergebnis.