Nun kann man lange darüber rätseln, warum den Österreichern das Bargeld wichtiger ist als Kinderrechte, leistbares Wohnen oder das Wohl schwarzer Mitbürger. Richtig: das lässt sich aus den Ergebnissen der aktuellen Volksbegehrens-Runde ablesen, die diese Woche abgeschlossen wurde. Oder auch nicht: ich halte es für grob fahrlässig, alle Stimmen metaphorisch in einen Topf zu werfen.

Walter Gröbchen ist Label-Betreiber (www.monkeymusic.at), Musikverleger und Autor in Wien. Mehr Kommentare und Kolumnen auf seinem Blog groebchen.wordpress.com
Walter Gröbchen ist Label-Betreiber (www.monkeymusic.at), Musikverleger und Autor in Wien. Mehr Kommentare und Kolumnen auf seinem Blog groebchen.wordpress.com

Kein vernünftiger Mensch wird sich zum Beispiel dagegen stemmen, die UNO-Konvention für Kinderrechte in den Verfassungsrang zu heben - die Frage ist nur, was damit erreicht wäre. Papier ist geduldig. Viele dieser Volksbegehrens-Anträge scheitern an überbordendem Idealismus, überzogenen Forderungen oder Rumpelstilzchen-Trotz. Das Parlament muss sie bei Überschreiten der 100.000-Stimmen-Grenze zwar behandeln, entsorgt sie zumeist aber auch recht zügig.

Das erfolgreichste Begehren aber, jenes "für uneingeschränkte Bargeldzahlung", darf mit über ein halber Million Stimmen schon als Denkzettel gelten. Wie kommt’s? Haben die Österreicher einen Haufen Geldscheine unter dem Kopfpolster? Machen sich Austro-Mafiosi Sorgen um ihre Liquidität? Weiß niemand mit Debit- und Kreditkarten umzugehen? Nebbich. Ich bin nicht Gustav Gans, habe aber als 08/15-Kunde gelernt, mich mit dem systemischen Zwangskorsett des modernen Bankwesens herumzuschlagen - einer der übelsten Erfindungen zur Demütigung der Menschheit. Sie merken: hier werde ich zum Wutbürger. Was man an Zeit, Schweiß und Tränen in das sogenannte "Online-Banking" investiert (regelmäßig, ohne deshalb ein befriedigendes Resultat zu erzielen), ersetzt einem kein Finanzinstitut dieses Planeten. Es klappt zu oft nicht, aus trivialen, kryptischen oder überhaupt unersichtlichen Gründen.

Meine Behauptung lautet also: das im Volksbegehren manifeste Beharren auf dreckigen Papierlappen und bakterienbehafteten Münzen als gültige Zahlungsmittel - es soll sogar in den Verfassungsrang erhoben werden! - entspringt einem abgrundtiefen Misstrauen an der digitalen Welt. Wer erlebt hat, dass Überweisungen partout nicht klappen, der Bankomat kein Geld ausspuckt, die Sicherheitsmaßnahmen in einem App-Irrgarten münden, die Bank-IT "aus Wartungsgründen" wieder einmal offline ist oder die freundliche Bankmitarbeiterin durch einen Callcenter-Guy in Ostindien (oder gar durch einen Roboter) ersetzt wurde, will sein Guthaben nicht mehr als abstraktes Nullen und Einsen im Cyberspace imaginieren, sondern im wahrsten Sinn des Wortes begreifen. Einen Tresor daheim werden dafür die wenigsten Kontobesitzer des Landes benötigen - aber ein paar Geldscheine im Börsel fühlen sich immer gut an.

Zudem: dass Banken und Staat uns gerne als gläserne Menschen sehen und durchleuchten möchten, geht mit diesen Relikten des Geldwesens doch deutlich schlechter. Nur Bares ist Wahres? Natürlich nicht. Aber die Politik hat es jetzt schwarz auf weiß, dass ein Komplettumstieg so unnötig wie unerwünscht ist.