Je komplizierter die Welt wird, je unübersichtlicher die Lage, je verworrener die Situationen, die gegenseitigen Abhängigkeiten, die wechselseitigen Beeinflussungen und Interferenzen, desto mehr braucht man als überforderter Staatsbürger, Endverbraucher und Medienkonsument dringend Menschen, die einem das alles erklären. Oder auseinandersetzen. Oder mit denen der Anchorman im Studio das diskutieren kann. Vielleicht sogar vertiefen. Am Ende gar analysieren.

Severin Groebner ist Kabarettist und Autor ("Lexikon der Nichtigkeiten"), alles Wissenswerte über ihn und von ihm gibt es unter http://www.severin-groebner.de. Sein aktuelles Programm heißt "ÜberHaltung".
Severin Groebner ist Kabarettist und Autor ("Lexikon der Nichtigkeiten"), alles Wissenswerte über ihn und von ihm gibt es unter http://www.severin-groebner.de. Sein aktuelles Programm heißt "ÜberHaltung".

Und dann sitzen sie im Studio herum oder werden zugeschaltet: Die Experten.

Und davon gibt es für jeden Fachbereich welche. Politikwissenschaftler und -Innen, und Politologiemenschen für die Sphären der Innenpolitik. Männliche und weibliche Virologen oder Komplexitätsforscher braucht man bei Viruserkrankungen. Und wenn es um Russland geht, ist einer vom Bundesheer da. Oder Gerhard Mangott. Gespannt verfolgt man das Gesagte, freut sich über gelungene Analysen und einleuchtende Erklärungen und stellt nach dem Satz "Wir danken für das Gespräch."ernüchtert fest, dass man jetzt zwar mehr weiß, aber trotzdem keine Ahnung hat, wo das alles enden soll. Gut, die Damen und Herren sind ja Wissenschaftler_Innen und nicht Hellseher. Erkennt man schon an der fehlenden Kristallkugel, die sie nicht mit sich herum tragen.

Und ob man eine mangelnde Kugel nicht herumtragen kann, muss ich nochmals überdenken.

Apropos: Das ist vielleicht das Verblüffendste an diesen Experten: Auch wenn sonst die unterschiedlichen wissenschaftlichen Disziplinen äußerlich gut zu unterscheiden sind (Faustregel: Politologen sind besser frisiert als Naturwissenschaftler), haben sie eins gemeinsam: Druckreife Sätze, meist mit Nebensätzen - manchmal sogar mit Einschüben! - garniert, in formschöner Grammatik und fehlerfreier Artikulation vorgetragen. Und das alles obendrein mit Inhalt gefüllt. Ich bin jedes Mal ehrlich beeindruckt. Und natürlich auch ein bisschen neidisch. Gerne würde ich auch mal als Experte ins Studio eingeladen werden, als Experte für . . . äh . . . tja . . . wofür? Vielleicht etwas, das vermehrt um sich greift und den Informationsgehalt der Kommunikation zerstört, wie ein Bot aus einer russischen Trollfabrik. Das "Irgendwie".

Da würde ich glänzen und unter meinem Konterfei würde "Experte für Irgendwie" am Bildschirm stehen und ich beglücke das Land mit Analysen scharf wie Suppenlöffel: "Ja, also . . . äh . . . wenn Leute sagen: ‚Das war jetzt irgendwie blöd‘, weiß man nicht, war es blöd, oder sind das nur die Leute, die das sagen? Die ganze Aussage ist einfach so Dings. Ich meine wirklich, es wäre irgendwie doch ein bisschen notwendig, dass alle in der gemeinsamen . . . äh . . . (ausufernde Handbewegung) auch miteinander im Sinne von . . . äh . . . der allgemeinen, also ganz konkret, jetzt schon bald mal . . . aber auch vielleicht . . . im Sinne von möglicherweise . . . unter Umständen genauestens im Regelfall das . . . und zwar mit Nachdruck. Und unmissverständlich. Irgendwie . . . Ja? (steht auf und rennt aus dem Bild)"

Dann würde sich das ganze Land nach dem Interview denken: Was ist denn das für ein Kasperl?

Und alle wünschen sich einen Profi. Weil es eben schön ist, Profis bei der Arbeit zuzusehen.

Das gilt übrigens erst recht für das Amt des Bundespräsidenten.