Der deutsche Sprachkritiker und Sprachlehrer Wolf Schneider ist am vergangenen Freitag in seinem Alterswohnsitz Starnberg in Oberbayern verstorben. Generationen von Journalisten gingen bei ihm in Hamburg in die "Henri-Nannen-Schule" oder lasen seine Bücher. Auch ich habe "Wörter machen Leute" verschlungen, als ich des Studiums der Publizistik überdrüssig war und in den Journalismus einstieg, später las ich "Deutsch für Kenner. Die neue Stilkunde", "Deutsch für Profis. Wege zu gutem Stil" und einige mehr.

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, jüngst ist bei Haymon "Sprachwitze. Die Formen. Die Techniken. Die jüdischen Wurzeln. Mit mehr als 500 Beispielen" erschienen.
Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, jüngst ist bei Haymon "Sprachwitze. Die Formen. Die Techniken. Die jüdischen Wurzeln. Mit mehr als 500 Beispielen" erschienen.

Die Bücher stehen noch immer in meinen Regalen, und ich nahm die Todesnachricht zum Anlass, sie hervorzuholen und in ihnen zu schmökern. Schneiders oberstes Credo lautete: Drücke dich verständlich aus! Vermeide jede Art von Brimborium! In einem seiner Bücher finde ich die folgenden Leitlinien: "Sätze entschachteln und entfetten, bis sie stark und transparent sind; Wörter wägen, Kürze anstreben, die Überlegenheit der Verben würdigen ..."

Da ist viel Wahres dran. Seinem Kampf gegen Nominalkonstruktionen kann ich bedingungslos zustimmen. Auch kritisiert er zu Recht die Unsitte, wichtige Informationen in einem Nebensatz quasi nachzuliefern. Was wichtig ist, gehört in den Hauptsatz! Seine Verteufelung von Attributen mutet hingegen seltsam an. Sie geben einem Text Farbe, manche Substantive schreien sogar nach einem begleitenden Eigenschaftswort. Einige seiner Empfehlungen kommen mir heute wie ein Leitfaden für "einfaches Deutsch" vor. Vermutlich verstößt eine journalistische Edelfeder in jedem zweiten Satz gegen die Postulate des Sprachlehrers.

Schneider betonte gerne den Einfluss bedeutender Persönlichkeiten auf die deutsche Sprache. Bei Martin Luther oder Johann Christoph Gottsched mag dies im Bereich des Wortschatzes zutreffen, aber die Sprache entwickelt sich seit jeher aus sich heraus, oder besser gesagt: nach bestimmten Gesetzmäßigkeiten - vom Indogermanischen zum Germanischen, vom Althochdeutschen zum Mittelhochdeutschen und so weiter. So fand beispielsweise die sogenannte erste Lautverschiebung in der zweiten Hälfte des 1. Jahrtausends vor Christus statt, und es waren nicht einzelne Schreiber, die sie vollzogen haben, sondern die Sprecher in ihrer Gesamtheit.

Dies anzuerkennen, hätte freilich Schneiders Allmachtsgedanken ins Wanken gebracht. Er überschätzte seine Rolle im Kampf gegen Anglizismen, wiewohl ihm zuzustimmen ist, dass "Kalter Krieg" anschaulicher ist als "cold war". Aber gegen Wörter wie "brainstorming" konnte auch er nichts ausrichten.

Die Gendersprache bezeichnete er als "Wichtigtuerei von Leuten, die von Sprache keine Ahnung haben." Sie missfiel ihm wohl auch deshalb, weil das Gendern ein Verstoß gegen die Verständlichkeit und gegen den guten Stil ist.

Wolf Schneider war über einige Jahrzehnte hindurch ein Sprachkritiker mit Ecken und Kanten, aber seine Bücher zu lesen, lohnt sich auch heute noch. Dass er einer der Letzten war, denen gutes Deutsch ein Anliegen ist - so konnte man es in einem Nachruf lesen -, will ich doch nicht glauben.