WZ Christian Mayr - © Wiener Zeitung

WZ  Christian Mayr

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Man kommt einfach nicht los von diesem Thema - denn wie nie zuvor bei einem Großereignis dominieren in Katar Gesten, Worte, Kleidungsstücke und Banner auf den Rängen das Geschehen. Bei jedem Spiel aufs Neue. Und immer wieder schlagen die Ereignisse Kapriolen. Am Dienstag hatten Sponsoren der DFB-Elf ausgerechnet vor dem wichtigen Auftaktmatch gegen Japan angekündigt, ihre Tätigkeit ruhend zu stellen (Rewe) respektive ein ernstes Wort sprechen zu wollen (Telekom). Nachdem also schon Teile der eigenen Fans den Spielern in den Rücken gefallen sind, weil diese in deren Augen zu feige waren, die ominöse Regenbogenschleife trotzdem zu tragen, distanzieren sich jetzt auch deutsche Konzernriesen, weil sich der DFB doch haargenau an die Fifa-Kleiderordnung halten will. Eine Groteske sondergleichen.

Allerdings sind die sieben europäischen WM-Starter - angeführt von England und Deutschland - selber schuld. Sie wollten als Tiger springen und sind nun als Bettvorleger gelandet. Die Mund-zu-Gesten beim Mannschaftsfoto der Deutschen gegen Japan am Mittwoch sind auch weniger ein "starkes Zeichen gegen die Fifa" als vielmehr ein Eingeständnis des Scheiterns.

Letztlich sind sie auf den Bluff der Fifa, die sich erwartungsgemäß dem Diktat Katars gebeugt hat, hereingefallen. Denn tatsächlich sind sich Regelexperten mittlerweile einig, dass eine gelbe Karte für das Tragen einer nicht-konformen Kapitänsbinde regelwidrig wäre und vom Referee gar nicht verhängt werden darf. Aber die Drohung hat ihre Wirkung nicht verfehlt - zumal verständlicherweise dann doch niemand für die Rechte Homosexueller und Transmenschen Unruhe im Team sowie sportliche Nachteile in Kauf nehmen wollte. Die Unruhe gibt es nun aber trotzdem - und zwar von der anderen, eigenen Seite. Und die Fifa und mit ihr die dominanten islamischen Kräfte in der arabischen Welt können sich über dieses peinliche Eigentor der westlichen (Fußball-)Welt nur ins Fäustchen lachen.

Tatsächlich hätte es viel bessere Anlässe gegeben, auf die in Katar mit sportpolitischen Aktionen durch Europa hingewiesen hätte werden sollen: den Krieg in der Ukraine mit dem bevorstehenden bitteren Winter für Millionen Menschen etwa; oder den tapferen Kampf der iranischen Bevölkerung gegen das Mullah-Regime, der allerorten in Europa schon zu Solidaritätsbekundungen geführt hat - nur nicht in den großen Fußballstadien. Vielleicht ist das sogar die größte Peinlichkeit am Regenbogenprotest in Katar: Während die iranischen Spieler mit ihrem lauten Schweigen bei der eigenen Hymne zu Helden geworden sind, nun aber (wie ihre Verwandten in der Heimat) ärgste Repressionen fürchten müssen, haben die Millionäre aus der Premier League dazu einfach in Taten und Worten geschwiegen. Stattdessen wurden die fehlende "One Love"-Binde betrauert und das längst zur Folklore verkommene Ritual des Kniens (für Schwarze) aufgeführt. Das wichtigste und meist umkämpfte Stück Stoff in der islamischen Welt, die doch so stolz auf ihre erste Fußball-WM ist, ist aber immer noch das Kopftuch, für das im Iran Frauen sogar ihr Leben lassen müssen, wenn es nicht ordnungsgemäß sitzt.

Es zeugt daher von großer Dummheit der Spieler, der islamischen Welt just die fehlenden Rechte von Randgruppen, die vor gar nicht allzu langer Zeit auch in Europa noch verfolgt und geächtet wurden, vorzuhalten und dabei die großen Gleichstellungsprobleme in Gesellschaften ohne vollzogene Aufklärung zu vergessen.