Allen Stadtmundarten geht es schlecht, auch jener Wiens. Dagegen will ich mit meinem "Großen Wörterbuch des Wienerischen" ankämpfen, es wird in einigen Monaten erscheinen und auch Belegstellen aus Theaterstücken, Erzählungen, Wienerliedern und Schlagern enthalten.

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, jüngst ist bei Haymon "Sprachwitze. Die Formen. Die Techniken. Die jüdischen Wurzeln. Mit mehr als 500 Beispielen" erschienen.
Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, jüngst ist bei Haymon "Sprachwitze. Die Formen. Die Techniken. Die jüdischen Wurzeln. Mit mehr als 500 Beispielen" erschienen.

Eine neue und überaus interessante Quelle sind für mich die Lieder von David Öllerer, er ist bekannt unter seinem Künstlernamen Voodoo Jürgens. Ich mag seine Texte, sie sind authentisch und originell. Die eben erschienene CD trägt den Titel "Wie die Nocht noch jung wor", der raue Sound erinnert mich an Tom Waits - das passt zum Inhalt der Lieder.

Voodoo Jürgens ist ein großartiger Geschichtenerzähler. Was er erlebt hat, wird künstlerisch aufbereitet, meist, wie es scheint, vergröbert. Aufgewachsen ist er in Tulln, "zwischen zuckerbude und kadaverfabrik, wos siaßlat oder nach hienige viecha rieacht". Die Schüler treffen sich in der Früh im "bushittl", also im Wartehäuschen, wo sie "a mäubal noch da aundan hatzen". Sie rauchen also eine Marlboro nach der andern - Mäubal war auch für mich neu, das kommt ins Wörterbuch.

Im Jahr 1991 "is da voda in häfen marschiert" - er kam ins Gefängnis; die Zeitungen berichteten darüber, was dem Sohn die Häme seiner Mitschüler einbrachte. Öllerer übersiedelte nach Wien, arbeitete als Bäckerlehrling und als Friedhofsgärtner.

Im Lied "Nochborskinda" werden Ausdrücke für körperliche Unfreundlichkeiten aufgelistet: "a ohrwaschlreiberl, a gnackflack, a spitz und waunns a eisenbahna is, a stereowatschn, a tschuck aufs guck, a eiabock, a brennnessel . . ."

Als Jugendlicher spielte ich Basketball, zunächst beim Verein Ostarrichi, dann beim EK Engelmann, von dort bekamen wir regelmäßig Gratiskarten für das Catchen am Heumarkt - und amüsierten uns über die kernigen Ausdrücke, mit denen das Publikum den "Bösen" der zwei Kontrahenten traktiert wissen wollte: das schmerzhafte Reiben der Ohren mit beiden Händen, ein Schlag in den Nacken, ein Tritt mit der Fußspitze irgendwohin oder spezifisch in die Hinterseite des Oberschenkels, sodass der Getroffene zusammensackt, eine beidhändige Ohrfeige, also gleichzeitig eine auf die linke und auf die rechte Wange, ein Schlag aufs Auge, ein Tritt in die Hoden, ein Auswringen des gegnerischen Unterarms, bis der Kontrahent ein heftiges Brennen verspürt und zu jammern beginnt.

Voodoo Jürgens schlüpft gern in verschiedene Rollen, im Film "Sargnagel" etwa in die eines Straßensängers. Er ist laut seiner Eigendefinition "ka trankler - owa a zwaravasn sauf i jedn tog"; "ka raffa - owa waunst deppat bist / kriagst ane auf d battrie"; "ka hackla - nimm kan wos weg / ia gehts barawan / waun i mi grod hinleg"; "ka sandler - gib her a zwaral / wos glaubst fia wos der huat do steht?"

Zweierl ist jetzt eine Zwei-Euro-Münze, früher war es eine Zwei-Gulden-Münze, zu finden in dem uralten Wienerlied "A Fiaker bin i": "Will einer um a Zwaral nach Hietzing vom Graben, / den lass i von ein’ Dienstmann mit der Butten h’naustrag’n." Es ist alles schon da gewesen.