Müllers Beobachtungsreigen in Nürnberg beginnt mit der Mondfinsternis des 3. Juni 1471. Dann hält er die Positionen der anderen Wandelgestirne fest. Wieder zeigt sich: Die zweihundert Jahre alten Alfonsinischen Tafeln spiegeln deren Lauf nur bedingt wider. Der Franke will daher um eine Verbesserung der Astronomie kämpfen.

Als "Waffen" sollen ihm die alten Visiergeräte des Hipparch und des Ptolemäus dienen. Er fertigt sie in der eigenen Werkstatt aus Holz und Messing an. Da er sie teils auch weiterentwickelt, befruchtet er den Instrumentenbau nachhaltig.

Müller ist so geschickt, dass man ihm sogar die Konstruktion einer eisernen Fliege und eines hölzernen Adlers - beide flugfähig - andichtet. Nürnbergs Handwerker gelten überhaupt als ausgesprochene Tüftler. Aus ihrem großen Kreis wird später auch ein Peter Henlein hervorgehen, der um 1510 die Taschenuhr realisiert. Johannes Müller bemüht noch die Sonne als Zeitgeber. Wie einst Peuerbach in Wien, baut und verbessert auch er tragbare Sonnenuhren. Nürnberger Zeitmesser aus Elfenbein, Birn- oder Buchsbaumholz verkaufen sich ausgezeichnet.

Freie Reichsstadt


Die freie Reichsstadt ist einer der wenigen Orte, wo man bereits die junge Kunst des Buchdrucks pflegt. Setzer gibt es hier genug, doch niemand versteht sich auf den schwierigen Druck astronomischer und mathematischer Werke. Also wird Müller selbst zu einem der ersten Verleger wissenschaftlicher Bücher. Mit Walthers Hilfe gründet er eine Druckerei in der Vorderen Kartäusergasse. Der zurückgezogen lebende Magister geht ganz in seiner Arbeit auf. 1472 gibt er die "Neue Planetentheorie" seines einstigen Lehrers Peuerbach heraus; das Lehrbuch wird es zu insgesamt 56 Auflagen bringen. Von den Dutzenden weiteren, stolz angekündigten Titeln erscheint leider nur ein Bruchteil.

1474 gibt Johannes aber noch die dicken Ephemeriden heraus; sie listen die Stellung der Wandelgestirne für die Jahre bis 1506 im Voraus auf. Auch Seeleute greifen darauf zurück. Dann verfasst er einen lateinischen und einen deutschen Kalender. Beide gelten bis 1531 - und werden so bekannt, dass später auch Kalender anderer Autoren den Namen Regiomontans im Titel tragen. Ähnlich wird es übrigens etlichen Taschenuhren ergehen, die, der bloßen Verkaufsförderung wegen, mit "Henlein" signiert werden.

Müller zeigt auf, wie oft das Osterfest bereits am falschen Sonntag gefeiert wird. Der nicht perfekten Schaltregel wegen klaffen wahrer und kalendarischer Frühlingsbeginn nämlich schon mehr als eine Woche auseinander. Um über eine Kalenderreform nachzudenken, wird Müller von Papst Sixtus IV. nach Rom gerufen. Im darauffolgenden Sommer grassiert dort eine Seuche: Der Papst verlässt die heilige Stadt, doch Johannes Müller stirbt in den ersten Julitagen des Jahres 1476.

Der Nachfolger


Bernhard Walther nimmt die Nachricht vom Tod seines 40-jährigen Freundes erschüttert auf. Die Arbeiten in der Nürnberger Druckerei werden eingestellt. Hingegen führt Walther die Himmelsbeobachtungen ganz im Sinne Müllers fort - "mit gleichem Eifer und unermüdetem Fleiß", wie Doppelmayr betont. Die vielen hundert Messungen Walthers bestechen mit ihrer bis dahin unerreichten Genauigkeit. 1501 erwirbt er ein 80 Jahre altes Fachwerkhaus am Tiergärtnertor und richtet eine Sternwarte an dessen Südfassade ein.

Damals studiert Nikolaus Kopernikus gerade in Italien. Die Unstimmigkeiten und Mängel der alten ptolemäischen Astronomie, von Peuerbach und Johannes Müller mehrfach aufgezeigt, haben ihm wohl längst zu denken gegeben; vielleicht säten sie sogar bei ihm die ersten Zweifel am erdzentrierten Weltbild. Kopernikus verwendet Walthers Positionsmessungen am Planeten Merkur jedenfalls später in seinem epochalen Hauptwerk. Es wird in Nürnberg erscheinen, dessen Buchdruckkunst so entscheidend von Müllers Genie profitiert hat.

Die Mondfinsternis vom 1. März 1504 erlebt Bernhard Walther noch mit. Genau gleichzeitig blickt Christoph Kolumbus, seit acht Monaten auf Jamaika festsitzend, zum Mond. Mit Hilfe des Himmelsschauspiels und Müllers Ephemeriden will der Gestrandete die geografische Länge seines Standorts bestimmen. Kolumbus verrechnet sich und verharrt auch deshalb im Irrglauben, Asien erreicht zu haben. Kurz danach stirbt Walther. 1509 zieht ein Künstler in Walthers Haus am Stadttor ein, der auch etliche Bücher Müllers erwirbt: Albrecht Dürer.

Christian Pinter, geboren 1959 in Wien, schreibt seit 1991 astro-nomische Fachartikel für die "Wiener Zeitung". Im Internet unter: www.himmelszelt.at