Manchmal muss es einen Prominenten treffen, damit ein Thema an Schärfe gewinnt. Als der oberösterreichische Grün-Politiker Rudi Anschober kürzlich wegen eines Burnout zurücktrat, erntete sein Outing allgemeinen Respekt und brachte mit einem Schlag die Problematik der Überlastung am Arbeitsplatz aufs Tapet. Dazu passend veröffentlichte das Sozialministerium eine Studie: 31 Prozent der Arbeitnehmer fühlen sich am Arbeitsplatz "gesundheitlich beeinträchtigt", und 27 Prozent geben an, aus Angst vor Jobverlust krank arbeiten zu gehen. Sie schuften also sprichwörtlich bis zum Umfallen, auch wenn Letzteres vorzeitig passieren sollte. Denn 23 Prozent befürchten, ihre Arbeit nicht bis zur Pension durchhalten zu können.

Elite gegen Faulpelze

Der mediale Aufschrei war laut und deutlich vernehmbar; das alltägliche Wehklagen wird anhalten, aber bei kaum jemandem Gehör finden. Denn dafür, dass sich an den Arbeitsbedingungen etwas großartig ändern wird, steht das Arbeitsethos zu hoch im Kurs. Zu jenen, die zum Einsatz im Unternehmen nicht mehr taugen, will niemand gehören. Das ist der Unterschied zwischen "prominent" und "gemein": Was dort zum mutigen Vorbild stilisiert wird, erfährt hier die Degradierung zum mutmaßlichen Drückeberger. Was dort eine verdiente Auszeit suggeriert, setzt sich hier dem Verdacht der allgemein finanzierten Arbeitsverweigerung aus.

Die fleißigen Hochleister ziehen schnell die Grenze zu den angeblichen Faulpelzen. Und die Elite sieht sich zuweilen pädagogisch gefordert: "Es gibt kein Recht auf Faulheit!", richtete einst der deutsche Bundeskanzler Gerhard Schröder jenen knapp vier Millionen Arbeitslosen aus, die im Kampf um 350.000 offene Stellen auf der Strecke geblieben waren.

Wer von Kapitalverwertung, Gewinnmaximierung und Rationalisierung nicht reden will, der redet von Faulheit. Wer die Unzulänglichkeiten eines prinzipiell Reichtum schaffenden, aber in der gerechten Verteilung mehr als hinkenden Systems nicht verantworten möchte, schiebt sie den Faulen in die Schuhe.

McJobs und Ich-AG’s

Dass Arbeitsuchende erst dann wieder eingestellt werden, wenn sie deutlich mehr Gewinn produzieren als Kosten verursachen, gehört zum kapitalistischen Grundprinzip, das Arbeitsplätze je nach Konjunktur schafft oder abbaut, aber dabei so gut wie gar nicht auf die Sünde der Faulheit oder die Tugend des Fleißes Rücksicht nimmt.

Arbeitslose werden zu Ich-AG’s verführt, in McJobs gezwungen oder auf einen AMS-Kurs aufgebucht. Sie werden entweder wieder (schlecht entlohnter) Teil der Produktivgesellschaft oder in das Joch des (lebenslangen) Lernens gespannt.

Jeder lernt es, jeder internalisiert es: Arbeit ist Pflicht. Um dieser Pflicht auch ein äußerliches Zeichen zu setzen, wurde 1555 in London eigens ein Gebäude errichtet: das Arbeitshaus. Es war das erste in Europa. Wien folgte 1671 nach. Während die Städte durch Handel und Gewerbe auflebten und das Bürgertum an Einfluss gewann, verarmte die Landbevölkerung durch das Auseinanderbrechen der feudalistischen Ordnung. Vagabundierende Bettler und Kriminelle wurden zur Bedrohung des Gemeinwesens und in den neu errichteten Verwahrstätten, deren Abgrenzung zu Armenhäusern, Zuchthäusern und Gefängnissen nicht ganz scharf war, abgesondert.

Gottgewollte Armut

Noch bis in das hohe Mittelalter waren Bettler eine soziale Kategorie, aber kein soziales Problem gewesen. Armut galt zwar als makelhaft, aber als gottgewollt. Im Austausch gegen ein Dankgebet wurden Bedürftige von zumeist christlichen Organisationen versorgt. Nun aber war die Armut nicht mehr gottgewollt, sondern selbst verschuldet. Der Arme erhielt die Fürsorge nicht mehr umsonst, sondern hatte dafür eine wirtschaftliche Gegenleistung zu erbringen. Eine Verhaltensweise, die auch außerhalb von Arbeitszwangseinrichtungen zu beobachten war. So soll etwa laut dem Volkskundler Franz Grieshofer die Tradition der alljährlich im Salzkammergut stattfindenden Glöcklerläufe auf arbeitslos gewordene Salinenarbeiter zurückgehen, die mit ihrem Maskeradespektakel eine Gegenleistung für den Empfang milder Gaben erbrachten. Ihre moderne Entsprechung finden sie in den Straßenkünstlern, deren Darbietungen in den Augen jener Passanten, die sie mit Spenden "entlohnen", offensichtlich einen wirtschaftlichen Wert darstellen. Auch den slowakischen Bettlern, die man in jüngster Vergangenheit aus einigen österreichischen Städten vertrieben hat, wurde die Rückkehr erlaubt, seit sie mit dem Verkauf von Straßenzeitungen den Anschein niedrigstschwelligen Erwerbs erwecken.

Mit dem Gesetz zur Arbeitspflicht in den 1770er Jahren kam der Arbeit eine disziplinierende Funktion zu. Zwischen 1750 und 1755 erließ Maria Theresia 15 Patente gegen "Bettel und Vagieren", die Josephinische Gesetzgebung sah 1776 für Arbeitshausinsassen "ordentliche Züchtigung" vor. 90 Jahre später, 1865, wurde in einer Verordnung der pädagogische Wert der Arbeit hervorgehoben: "Es ist danach zu trachten, dass kein Verhafteter unbeschäftigt bleibe, sondern dass nach Tunlichkeit alle Gefangenen mit solchen Arbeiten beschäftigt werden, welche ihrer Individualität entsprechen und die zugleich geeignet sind, dieselben erst arbeits- und erwerbsfähig, dann aber auch arbeitsfreudig zu machen."