"Wiener Zeitung": Herr Schilcher, angesichts ihrer Kritik an der aktuellen politischen Elite, angesichts Ihrer harten Aussagen rund um das Bildungsvolksbegehren: Sind Sie einer jener grantigen alten Männer, für die Österreich berühmt-berüchtigt ist?

"Wir haben leider die Tradition, den Blick nicht darauf zu lenken, was einer kann, sondern darauf, was er nicht kann. In unserem Bildungssystem sucht der Lehrer nach Fehlern, nicht danach, was gelungen ist." Bernd Schilcher - © Foto: J. J. Kucek
"Wir haben leider die Tradition, den Blick nicht darauf zu lenken, was einer kann, sondern darauf, was er nicht kann. In unserem Bildungssystem sucht der Lehrer nach Fehlern, nicht danach, was gelungen ist." Bernd Schilcher - © Foto: J. J. Kucek

Bernd Schilcher: Alt bin ich sicher, aber ich bin nicht grantig. Ich denke mir bloß: Wenn sich sonst keiner um Demokratie und um Bildung kümmert, dann müssen das eben wir Alten tun. Das liegt sicher daran, dass wir noch ganz anders politisch sozialisiert wurden. Wir hatten als junge Menschen noch mit Politikern zu tun, die in der Monarchie geboren wurden und den monarchischen Stil lebten: Figl, Gorbach, Pittermann. Und wir haben dagegen aufbegehrt. Wir wurden dabei wahrgenommen, wenn auch nicht mit Freude. Wenn damals ein Student den Mund aufgemacht hat, haben alle gesagt: Kusch! Wenn er dann aber trotzdem aufbegehrt hat, dann haben die Professoren das vor lauter Empörung mitgeschrieben.

Wir waren also gewohnt, dagegen zu sein und haben dabei die Erfahrung gemacht, dass man mit Kritik durchaus etwas bewegen kann. Viele von uns jungen Wilden sind dann sehr bald in verschiedene programmatische Zirkel gekommen. Der Taus, der Kreisky, der Krainer in der Steiermark, die haben damals Wissenschafter um sich geschart und haben bei vielen Entscheidungen auf diese Berater auch gehört. Kurz und gut: Wir haben als Junge noch erlebt, dass man in der Politik etwas Konkretes bewegen kann.

Und das ist heute anders?

Ja. Heute sitzt jeder in der Politik auf irgendeinem sozialpartnerschaftlich geschützten Arbeitsplatz. Der eine ist der Kammer verpflichtet, der andere der Gewerkschaft. In so einem Umfeld ist es unglaublich schwer, etwas zu bewegen, weil sich alle gegenseitig blockieren. Das sehen auch die jungen Leute von heute so.

Wenn ich vor zwanzig Jahren in meinen Seminaren kluge Studenten gefragt habe, ob sie nicht in die Politik wollten, dann haben von zehn zwei zumindest darüber nachgedacht. Heute schauen sie mich nur komisch an, wenn ich sie so etwas frage. Und mich wundert das nicht: In der Politik verdienst du heute nicht viel, musst dich von jedem blöden Journalisten anschnauzen lassen, hast kein Privatleben, verlierst Anschluss zu deinem gelernten Beruf und bist am Ende, wenn es blöd hergeht, ein Sozialfall. Und angesehen ist die Politik als Tätigkeitsbereich auch nicht mehr.

Das stimmt. Lustig ist nur, wenn das heute ausgerechnet jene Altpolitiker wortreich bedauern, welche die Politik dorthin geführt haben. Sie waren als wichtiger ÖVP-Mann genauso Teil des Systems, das sie kritisieren, wie ihre heutigen Mitstreiter in den diversen Volksbegehren: Androsch, Neisser, Wabl, Frischenschlager, Busek. Im Nachhinein gute Ratschläge zu geben ist ein etwas später Mut.

Seine Lebensbilanz muss jeder für sich ziehen. Ich selbst habe im Rahmen dessen, was möglich war, die Programme, an denen ich mitgeschrieben habe, und die Dinge, die ich gefordert habe, immer auch umgesetzt. Ich habe in Graz gegen meine eigene Partei die ersten gemeinsamen Ganztagsschulen gegründet. Das als durchgängiges Element im österreichischen Schulwesen einzuführen, war damals unmöglich. Da hat der ÖAAB-Chef gesagt: Nur über meine Leiche! Der Herr Leitl, der heute für eine gemeinsame Schule aller 10- bis 14-Jährigen eintritt, hat gesagt: Das kann man so nicht machen. Die Industriellenvereinigung war damals ebenfalls dagegen. Aber wo es gegangen ist, habe ich es trotzdem gemacht. Natürlich ist die Ausgangsposition als aktiver Politiker anders. Als Klubobmann im Landtag habe ich Rücksicht auf den Landeshauptmann nehmen müssen - und ich habe Beschlüsse herbeiführen müssen. Heute kann ich ausschließlich das tun, was ich für richtig halte. Ich gebe zu, dass das eine sehr angenehme Situation ist.

Sie wettern heute als Politpensionist gegen den Parteienproporz. Als Landesschulratspräsident in der Steiermark haben Sie die reale Möglichkeit gehabt, bei der Bestellung von Direktoren den Proporz abzuschaffen.

So einfach, wie sich das der kleine Hansi vorstellt, ist das nicht. Der Kurt Scholz als damaliger Landesschulratspräsident von Wien und ich in der Steiermark haben es ja probiert. Wir haben die Kandidaten für Direktorenposten von Personalberatern reihen lassen und haben dann mit den zehn Besten Hearings gemacht, damit wirklich der Qualifizierteste den Job bekommt. In der Steiermark ging das eine Zeit gut, weil Krainer als Landeshauptmann das mitgetragen hat. Aber dann begann die SPÖ massiv dagegen zu arbeiten. Wir haben später auch bei Bundespräsident Klestil interveniert, damit er etwas gegen den Proporz bei den Direktorenbestellungen macht. Der hat aber nur gesagt: Damit komme ich nicht durch, da bringe ich mich politisch um. Aber wissen Sie, was das Allerärgste bei der ganzen Sache war?

Nein, weiß ich nicht.

Ich habe dann meine Journalistenfreunde für den Kampf gegen den Proporz gewinnen wollen. Die waren aber gar nicht interessiert daran! Sie haben gesagt: Wir machen uns doch nicht die besten Geschichten kaputt! Den Anteil, den die Medien daran haben, dass die Politik so geworden ist, wie sie ist, darf man nicht unterschätzen. Die Medien haben ja Interesse an parteipolitischen Proporzskandalen, weil sie dann etwas zum Schreiben haben. Viele Journalisten sind außerdem selbst von der Politik abhängig. Und die sagen dann natürlich: Du kannst doch nicht verlangen, dass ich gegen meine Freunde schreibe, ich bin denen ja verpflichtet.