Der Neurologe Uffe Schjødt versammelte sehr unterschiedliche Menschen in einem Labor an der Aarhus Universität in Dänemark: 18 fromme Pfingstchristen und 18 nicht-religiöse Menschen. Die Probanden legten sich in einen Magnetresonanztomographen, eine High-Tech-Röhre, die neuronale Prozesse im Gehirn scannt, und lauschten dort Fürbittgebeten. Diese sprachen abwechselnd ein Nichtchrist, ein Christ und ein Christ mit der Gabe der Heilung - zumindest dachten die Probanden das. In Wirklichkeit handelte es sich bei allen drei Betern um normale Christen ohne heilerische Fähigkeiten.

Hinterher untersuchte Schjødt die Aufnahmen aus dem Inneren der Köpfe. Die neuronalen Reaktionen der Gläubigen unterschieden sich voneinander, je nachdem, wem sie gerade zugehört hatten. Sprach der "Nichtchrist", ging es im präfrontalen Cortex, einem Teil des Stirnlappens, der für kritisches Denken zuständig ist, ganz rege zu - ein Zeichen von Skepsis oder Misstrauen. Betete dagegen der "Wunderheiler", war in dem Hirnareal kaum "Betrieb", es schien durch die Stimme der charismatischen Person wie abgeschaltet.

Gibt es ein Gottes-Gen?

Schjødt hatte in einem früheren Versuch schon herausgefunden, dass Gebete einzelne Hirnareale stimulieren, nämlich jene, die sonst soziale Handlungen steuern, also den Austausch von Mensch zu Mensch. Die Gläubigen schienen Gott - neurologisch gesehen - als reale Person wahrzunehmen. Schjødt drückt es so aus: "Zu Gott zu sprechen ist nicht viel anders, als mit einem Freund oder Nachbarn zu sprechen." Allerdings schien der persönliche Umgang mit Gott nur bei den Menschen zu funktionieren, die oft beten. Probanden, die selten dazu kamen, zeigten während des Gebets im Labor keine erhöhten Hirnaktivitäten - für sie war Gott wohl abstrakt geblieben.

Gerald Wolf, Neurobiologe von der Otto-von-Guericke-Universität in Magdeburg, warnt vor einer "Überdehnung der Interpretation", wenn es um die neuronalen Prozesse während des Betens geht. Mit modernen bildgebenden Verfahren ließe sich heute viel anstellen: "Da muss nur jemand ganz leicht an einer Stellschraube drehen und schon werden Durchblutungsveränderungen im Hirn hervorgehoben - ein roter Fleck hier, ein grüner da. Das hilft, Forschungsgelder locker zu machen."

Es sei auch unbegründet, von speziellen Hirnaktivitäten zu sprechen, die in religiösen Momenten anspringen - sozusagen von 0 auf 100. Es handele sich bestenfalls um Veränderungen der schon vorhandenen Aktivität, erklärt Wolf. Denn in unserem Gehirn sei immer und überall etwas los, in manchen Phasen des Schlafes sogar mehr als im Wachzustand.

1999 war V.S. Ramachandran von der University of California der Erste, der den Glauben auf neurologischem Wege interpretierte. Er untersuchte das neuronale Gewitter, das Patienten mit Schläfenlappenepilepsie durchmachen. Einige berichteten von Visionen und Erscheinungen. Die Religiösen unter den Testpersonen deuteten dies als göttliche Botschaft. Ramachandran machte daraus ein "Gottesmodul", den angeblichen Schaltkreis für religiöse Erfahrungen, der im Schläfenlappen sitzt.

Mit dem Gottesmodul kam die Suche nach den neuronalen Prozessen, die ablaufen, wenn wir beten, ins Rollen. Neurotheologie heißt dieser Forschungszweig. Wissenschafter erhoffen sich davon spektakuläre Einsichten über unsere Glaubensfähigkeit. Dafür bedienen sie sich zuweilen ungewöhnlicher Methoden.

So soll ein umgebauter Motorradhelm ausreichen, um Menschen an Gott glauben zu lassen. Das jedenfalls behauptete Michael Persinger, Hirnforscher an der Laurentian University in Sudbury, Kanada. Der Helm, den Persinger bei seinen umstrittenen Versuchen einsetzte, war mit Magnetspulen besetzt. Über diese Spulen wurden am Computer erzeugte elektromagnetische Signale gesendet - direkt ins Gehirn der Probanden, genauer in den Schläfenlappen, der schon bei den religiösen Visionen der Epileptiker eine entscheidende Rolle spielte.

Persinger setzte seine Versuchspersonen in einem schalldichten Raum, eine schwarze Brille auf der Nase. Abgeschottet von der Welt, sprachen sie später von einer "Präsenz", die sie plötzlich gefühlt hätten. Von Begegnungen mit Gott war die Rede, aber auch mit dem Teufel. Glauben auf Knopfdruck, durch Stimulierung des Schläfenlappens? Die Probanden, denen Persinger seinen "Gotteshelm" aufsetzte, waren seine eigenen Studenten gewesen - kein Merkmal seriöser Studien. Und es fehlte die Kontrollgruppe, also Probanden, denen ein Placebo gegeben wird.

Der schwedische Psychologe Pehr Granqvist baute diese Doppelblind-Sicherung ein, als er das Helm-Experiment noch einmal durchspielte. Nur bei der Hälfte der Probanden war das Magnetfeld eingeschaltet, die andere Hälfte hatte einfach nur einen Helm auf - ihre Schläfenlappen erreichte also kein einziges elek-tromagnetisches Signal. Und doch erlebten manche dieser Testpersonen ebenfalls einen mystischen Moment. Was ihrer Beeinflussbarkeit geschuldet war: Sie hatten erwartet, religiöse Erfahrungen zu machen - und das Gehirn produzierte diese prompt.