Europas Säulen wurzeln in christlichen Werten. - © Foto: Jeremy Lightfoot/Robert Harding World Imagery/Corbis
Europas Säulen wurzeln in christlichen Werten. - © Foto: Jeremy Lightfoot/Robert Harding World Imagery/Corbis

Der Europäische Gerichtshof in Luxemburg (EuGH) und der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg (EGMR) werden derzeit von einer beispiellosen Klagewelle überrollt, die die Religion und Säkularität zum Gegenstand hat. Die Sachverhalte sind grundverschieden: Darf eine Fluggesellschaft einer Flugbegleiterin das Tragen eines Kruzifixes untersagen? Können britische Standesbeamte unter Berufung auf die Religions- und Glaubensfreiheit von der Pflicht zur Trauung gleichgeschlechtlicher Paare entbunden werden?

Es geht hier zunächst im rechtstechnischen Sinne, ganz profan, um eine Güterabwägung zwischen positiver bzw. negativer Religionsfreiheit und staatlicher Neutralitätspflicht. Das medial großes Aufsehen erregende Urteil des Europäischen Gerichtshofs über die Präsenz des Kruzifixes in Klassenzimmern berührt denselben Problemkreis. Doch hinter der Judikatur geht es um etwas viel Grundsätzlicheres: Wie positioniert sich Europa, das sich gerne als Wertegemeinschaft begreift, zur Religion?

Im Jahre 1463 veröffentlichte der böhmische König Georg von Podiebrad seine Abhandlung über einen Frieden für die gesamte Christenheit (Tractatus pacis toti christianitati fiendae). Die Idee war es, die Christen des Kontinents in einer Friedensgemeinschaft zu einen. Der Föderationsplan, der die Einrichtung eines Parlaments, Gerichtshofs und einer gemeinsamen Währung vorsah, gilt als eine der ersten ideengeschichtlichen Begründungen Europas. Man staunt heute über die Aktualität des Dokuments.

Glaubensgemeinschaft


Auf Grundlage des katholischen Glaubens wollte der "Ketzerkönig" Podiebrad - er selbst konvertierte vom Katholizismus zur hussitischen Konfession - eine Union der "Brüderlichkeit und Barmherzigkeit" festzurren. Diese Föderation war als Glaubensgemeinschaft und nicht als Bürgerunion konzipiert. Und sie war gegen einen Gegner gerichtet: den Prinzen der Türkei, den "erbittertsten Feind des Christentums". In dem Friedenstraktat spiegelt sich ein Freund-Feind-Antagonismus wider; er weckt Rachegelüste gegen den Islam. Der Textentwurf, der Eintracht stiften sollte, säte Zwietracht. 1463 hatte Papst Pius II. den Osmanen den Krieg erklärt; das Abendland wurde rhetorisch wie militärisch gegen den Orient in Stellung gebracht. Der Humanismus, der in dieser Periode der Geschichte aufblühte, konnte die religiösen Eiferer nicht bändigen. Auf die Kreuzzüge folgten die Inquisition, die Verfolgung und Vertreibung von Häretikern. Das liberale Momentum war verflogen.

Der religiöse Fanatismus kulminierte im 30-jährigen Krieg, der den Kontinent zur Schlachtbank machte. Die Reformation hatte einen Keil in die Christenheit getrieben; Protestanten und Katholiken standen einander unversöhnlich gegenüber. Wie sollte aus der Religion eine friedsame Gemeinschaft erwachsen? Hatte der Absolutheitsanspruch nicht einen gewaltigen Furor entfacht? So paradox es klingen mag: das frühe Christentum zeitigte einen sozialisierenden Effekt.

Der Dichter Novalis brachte dies, wenngleich romantisch verklärend, 1799 in seiner Schrift "Die Christenheit oder Europa" zum Ausdruck: "Es waren schöne glänzende Zeiten, wo Europa ein christliches Land war, wo Eine Christenheit diesen menschlich gestalteten Weltteil bewohnte; Ein großes gemeinschaftliches Interesse verband die entlegensten Provinzen dieses weiten geistlichen Reichs. - Ohne große weltliche Besitztümer lenkte und vereinigte Ein Oberhaupt, die großen politischen Kräfte."

Novalis betont den Einheitsgedanken - Europa als "christliches Land". Das Christentum bildete die politisch-kulturelle Klammer des frühen Europa. Nicht die Religion, die Kleinstaaterei und Ranküne der Herrscher entfesselten den Kriegswahn, der den Kontinent im 17./18. Jahrhundert an den Rand des Abgrunds trieb. Novalis prophezeite: "Es wird so lange Blut über Europa strömen bis die Nationen ihren fürchterlichen Wahnsinn gewahr werden." Und: "Nur die Religion kann Europa wieder aufwecken und die Völker sichern, und die Christenheit mit neuer Herrlichkeit sichtbar auf Erden in ihr altes friedenstiftendes Amt installieren."

Es mutet wie eine grausame Ironie der Geschichte an, dass es der Millionen Opfer zweier Weltkriege bedurfte, um Europa institutionell zu verankern. Die Europäische Union wurde als Friedensprojekt gegründet. Freilich sieht sich die EU in ihrem Selbstverständnis nicht in unmittelbarer Traditionslinie der Religion und lehnte einen Gottesbezug in den Verträgen stets ab. Doch verfolgt sie als Zivilmacht eine ähnliche Mission wie das Christentum.

Moderne Scholastik


Als im Mittelalter die Wiege Europas bereitet wurde, war das Christentum gewissermaßen Geburtshelfer. Die Kirche überlieferte das Wissen der Antike und gab die Anleitung zu vernunftgeleitetem, praktischem Handeln. Die Scholastik legte den Grundstein für die erste transnationale Institution: die Universität. Die Lehrstätten in Bologna, Paris und Salamanca standen unter dem Schutz von Kaiser und Papst und waren so dem Zugriff lokaler Mächte entzogen. Sie waren von Beginn an europäisch. Große Denker wie Thomas von Aquin besuchten die Einrichtungen und brachten je ein Buch für die heimischen Bibliotheken mit. So entstand ein kollektiver Lernprozess, der die Völker verband. Die Scholastik war der Kristallisationspunkt des modernen europäischen Denkens. Eine Aufklärung geschah nur dort, wo es eine Scholastik gegeben hatte. Dies war weder im Islam noch im orthodoxen Christentum der Fall. Russland leidet bis heute darunter und ist wohl auch deshalb anfällig für eine verknöcherte Marxismus-Orthodoxie, die im freien Europa niemals Fuß fasste.