Mittlerweile befindet sich bereits die Gemini 7 im Orbit. Frank Borman und James Lovell sollen damit einen Langzeitflug absolvieren. Als endlich auch die Gemini 6 abhebt, betreiben die USA erstmals zwei Schiffe gleichzeitig im All. Die Russen haben das bereits 1962 und 1963 geschafft. Sie führten damals jeweils zwei Wostoks bis auf 5 Kilometer Abstand aneinander heran. Die NASA gibt sich mit einem solchen "Gruppenflug" aber nicht zufrieden.

Ihre Gemini 6 hält ohne Zögern auf das Schwesterschiff zu. Radargerät und Bordcomputer erleichtern das heiß ersehnte Tête-à-Tête. Schließlich liegen nur noch 30 Zentimeter zwischen den Nasen der Kapseln. Die Crews blicken einander praktisch in die Augen. Nur Andocken ist kein Thema: Die beiden Schiffe besitzen den gleichen "männlichen" Docking-Adapter - das "weibliche" Gegenstück saß vorne auf der Agena.

Die Gemini 6 bleibt bloß 26 Stunden im Orbit. Dennoch feuern ihre 16 OAMS-Triebwerke dabei insgesamt 35.000 Mal. Die Wasserung erfolgt erstmals hochpräzise, mit einer Abweichung von nur 13 Kilometern. Die Crew der Gemini 7 harrt deutlich länger aus. An Bord sind 20 Experimente abzuarbeiten. Dennoch kommt Langeweile auf. Bücher, darunter eines von Mark Twain, sorgen für Zeitvertreib. In den neuen, leichteren Druckanzügen schwitzt man jedoch elendiglich. Borman und Lovell können sich nicht einmal ordentlich strecken, vom Aufstehen oder Duschen ganz zu schweigen.

Wie verheiratet

Am 16. Dezember sind die Treibstoffreserven des OAMS erschöpft. Nun dürfen die Männer endlich heimkehren. Sie haben knapp 14 Tage auf engstem Raum miteinander verbracht. Jetzt könnten sie genauso gut heiraten, witzeln sie. Ihr Flugrekord beweist: Astronauten würden auch während einer zweiwöchigen Mondmission arbeitsfähig bleiben.

Ende 1965, nach fünf Gemini-Flügen, hat man die UdSSR klar abgehängt. Die Russen besitzen noch immer kein manövrierfähiges Schiff und haben daher auch kein wirkliches Rendezvousmanöver vorgezeigt. Bevor die NASA zum Mond aufbrechen kann, müssen ihr aber unbedingt noch Andockmanöver gelingen und längere Außenbordeinsätze. Dazu plant sie fünf weitere Gemini-Missionen fürs Folgejahr.

Alle zehn Helden des Jahres 1965 werden später ins Apollo-Programm übernommen: Virgil Grissom und Edward White verbrennen allerdings beim Bodentest der Apollo 1. Walter Schirra und James McDivitt umrunden die Erde in Apollo-Schiffen, James Lovell und Frank Borman umkreisen damit sogar erstmals den Mond.

Thomas Stafford wird die Apollo-Landefähre erproben - 14 Kilometer über der Oberfläche des Erdtrabanten. Charles Conrad und John Young hinterlassen sogar Fußabdrücke im staubigen Mondboden. Gordon Cooper hält sich als Ersatzmann bereit; er kommt schlussendlich aber nicht mehr zum Einsatz.

Christian Pinter, geboren 1959, lebt als freier Journalist in Wien und schreibt seit 1991 über astronomische Themen im "extra". Dies ist sein 300. Artikel in der "Wiener Zeitung". Internet: www.himmelszelt.at