Leo Trotzki, August 1937, drei Jahre vor seinem Tod. Foto: Bettmann/Corbis
Leo Trotzki, August 1937, drei Jahre vor seinem Tod. Foto: Bettmann/Corbis

"Aaaaaaaaaaa. . .". Es ist der wohl meistzitierte Todesschrei der Kriminalgeschichte. Lang gezogen, nicht enden wollend. "Ein Schrei, den ich niemals vergessen werde. Er klingt mir noch immer in den Ohren." So sagte der Mörder später. Sein Opfer: Der führende Kopf der Oktoberrevolution sowie Gründer und Organisator der Roten Armee, Leo Trotzki.

Lew Dawidowitsch Bronstein kam am 7. November 1879 als Spross einer Bauernfamilie in einem zentralukrainischen Dorf zur Welt. Der begabte junge Mann schloss sich früh der Sozialdemokratie an. Dafür erhielt er von den zaristischen Behörden die Quittung: Inhaftierung und Verbannung nach Sibirien. 1903 entkam er unter dem Decknamen Trotzki (unfreiwilliger Namensgeber war sein Gefängniswärter) nach London, wo er sich mit Lenin zusammentat. Er verdingte sich als Journalist und wurde zu einem wichtigen Theoretiker des Marxismus.

Der Polizeichef von Mexico City mit dem Eispickel, mit welchem Trotzki 1940 ermordet wurde. Foto: Hulton-Deutsch Collection/Corbis
Der Polizeichef von Mexico City mit dem Eispickel, mit welchem Trotzki 1940 ermordet wurde. Foto: Hulton-Deutsch Collection/Corbis

In Paris lernte er seine Frau Natalja Sedowa kennen, die ihm zwei Söhne schenken sollte. Aus erster Ehe hatte er bereits zwei Töchter. Das Paar begab sich auf eine jahrelange Odyssee um die halbe Welt, die im Mai 1917 (die Zarenherrschaft war inzwischen durch eine bürgerliche "Provisorische Regierung" abgelöst worden) in Petrograd (St. Petersburg) endete. Nach endlosem ideologischen Hin- und Her schloss er sich nun doch Lenins Bolschewiki an und übernahm die Führung des Petrograder Sowjets. Er baute die "Kampfverbände der Roten Garde" auf und organisierte mit Parteiführer Lenin den Aufstand.

Volkskommissar Trotzki


Die Bolschewiki errangen die Macht, die Oktoberrevolution war am Ziel. Trotzki übte als "Volkskommissar" verschiedene Ministerämter aus. Im Ersten Weltkrieg verhandelte er mit dem Deutschen Reich die Friedensbedingungen. Und er führte "seine" Rote Armee im Bürgerkrieg gegen die anti-bolschewistischen "weißen" Truppen zum Sieg. Darüber hinaus wurden Interventionstruppen der Briten, Franzosen, Italiener, US-Amerikaner und Japaner aus dem Land geworfen. 1921 bereits hatte Trotzki den Kronstädter Matrosenaufstand blutig niederschlagen lassen. Überhaupt, er "griff durch": In der Armee wurden demokratische Strukturen abgeschafft und die Todesstrafe wieder eingeführt.

Nach Lenins Tod im Jahre 1924 tat sich ein neuer - dunkler - Stern am Sowjethimmel auf: Josef Wissarionowitsch Dschugaschwili, genannt Stalin, der "Stählerne". Die beiden Führer gerieten bald über die Durchführbarkeit sozialistischer Revolutionen in anderen Ländern über Kreuz. Stalin hatte die "stärkeren Bataillone", Trotzki verlor an Einfluss in der KP und ab 1925 nach und nach alle Ämter. Zwei Jahre später folgte der Parteiausschluss. Die Familie wurde 1928 nach Kasachstan verbannt, 1929 in die Türkei ausgewiesen. Wiederum begann eine rastlose Reise: Frankreich, Norwegen und schließlich die Endsta-
tion: Coyoacán, ein Ortsteil von Mexiko-City.

Der entmachtete Staatsmann war weiterhin publizistisch tätig und griff den inzwischen in der UdSSR um sich greifenden Stalinistischen Terror (Schätzungen sprechen von mehr als 20 Millionen Opfern) unermüdlich scharf an. Über "den Stählernen" machte er sich lustig: "Die bedeutendste Mittelmäßigkeit in der Partei".

Ein Forum für die Abrechnung bot ihm unter anderen die "New York Times". Der Hass des Diktators auf "das Großmaul Trotzki" hingegen hatte inzwischen wahnhafte Züge angenommen. Allein der Verdacht, "ein Trotzkist" zu sein, kam im "Arbeiter- und Bauernparadies" einem Todesurteil gleich. Der Exilant wurde zur Unperson - und auch wegen seiner jüdischen Herkunft verteufelt. Moskau (der Regierungssitz war an die Moskwa verlegt worden) gab den Mordbefehl.

Der sowjetische Geheimdienst hatte Übung. 1937 war der Chef des zaristischen Veteranenbundes, General Jewgeni Miller, aus Paris in die UdSSR entführt und später exekutiert worden. In Lausanne töteten Agenten den abtrünnigen Sowjet-Spion Ignaz Reiss. Dessen Kollege, Walter Kriwitzki, hatte ein kritisches Buch verfasst: "Ich war Stalins Agent". Kriwitzki wurde in einem Washingtoner Hotel erschossen aufgefunden. Trotzkis Sekretär, Erwin Wolf, ereilte dieses Schicksal in Spanien. Lew Lwowitsch Sedow, Trotzkis ältester Sohn und politischer Weggefährte, fiel im Februar 1938 in Paris vermutlich einem Giftmordanschlag zum Opfer. Im Juli des Jahres wurde ein Torso aus der Seine gefischt. Der Tote wurde als Rudolf Klement identifiziert - Assistent und Übersetzer des Revolutionärs.

Jaime Ramón Mercader del Río wurde am 7. Februar 1913 in Barcelona als Sohn des Geschäftsmannes Don Pablo Mercader geboren. Ramóns Mutter, die attraktive Eustacia María Caridad del Río Hernández besaß ein hitziges Temperament und entwickelte zudem eine unbändige Abenteuerlust. Sie trennte sich vom Gemahl und schloss sich anarchistischen Kreisen an. Es zog sie nach Frankreich, wo sie amouröse Beziehungen zu diversen Führern der Kommunistischen Partei aufnahm.