"Der Wegfall der Golddeckung hat einen unheilvollen Prozess in Gang gesetzt: Er erlaubt eine im Prinzip unbeschränkte Erhöhung der Geldmenge." H. C. Binswanger - © Foto:Binswanger privat
"Der Wegfall der Golddeckung hat einen unheilvollen Prozess in Gang gesetzt: Er erlaubt eine im Prinzip unbeschränkte Erhöhung der Geldmenge." H. C. Binswanger - © Foto:Binswanger privat

"Wiener Zeitung": Herr Binswanger, was wäre, wenn es kein Geld gäbe?

Hans Christoph Binswanger: Dann müssten wir tauschen. Allerdings hat es ein umfassendes Tauschsystem nie gegeben. Früher war die Basis der Wirtschaft die Selbstversorgung. Es gingen höchstens Überschüsse von Hand zu Hand. Wenn ein Bauer zu viele Äpfel hatte, dann tauschte er sie gegen die Birnen von einem anderen, der davon zu viele besaß.

Heute haben wir Banken.

Genauer ein doppelstufiges Bankensystem. Es besteht aus Zentralbanken wie der Europäischen Zentralbank und aus Geschäftsbanken oder einfachen Banken. Daher gibt es auch zwei Arten von Geld. Das Papiergeld, also die Banknoten, die von der Zentralbank ausgegeben werden. Und das Bankgeld, also die Giroguthaben bei den Banken. Mit diesen Guthaben zahlen wir vorwiegend. Denn es ist bequemer, Geld zu überweisen als es von Hand zu Hand weiterzureichen.

Das Bankgeld macht heute den Großteil der Geldmenge aus. Nehmen wir den Euroraum. Die Geldmenge beträgt über fünf Billionen Euro. Davon laufen aber nur rund 900 Milliarden Euro als Scheine und Münzen um. Wie kommt es dazu?

Die Kredit- und Geldschöpfung, die heute das ganze Geldwesen dominiert, läuft primär über die Banken. Sie gewähren Unternehmen oder Privathaushalten einen Kredit - und schon expandiert die Geldmenge. Denn Kredite werden nicht in Banknoten ausbezahlt, sondern einfach als Buchgeld in der Bankbilanz verbucht. Es kommt dabei nicht zum Abzug der Summe auf einem anderen Konto. Daher führt die Gewährung von Krediten direkt zur Vermehrung des Geldes, also zur Geldschöpfung.

Ist es nicht nötig, erst einmal Geld zu sparen, damit Kredite gegeben werden?

Sparen spielt für die Kreditvergabe heute eine ganz untergeordnete Rolle. Die Expansion der Geldmenge wird daher nicht durch die beschränkte Menge des vorher gesparten Geldes eingeschränkt.

Die Banken müssen bei der Zentralbank doch eine sogenannte Mindestreserve halten, ein Guthaben, dass sie jederzeit in Banknoten einlösen können.

Ja, aber im EU-Raum beträgt die gesetzliche Mindestreserve nur ein Prozent. Das ist wahrlich nicht viel: Vergeben die Banken einen Kredit von 100.000 Euro, dann müssen sie dafür nur 1000 Euro vorrätig haben - ein winziger Teil des vergebenen Kredits.

Hat die Zentralbank keinen Einfluss auf die Geldmenge?

Sie kann diese in einem gewissen Ausmaß regulieren. Und zwar über den Leitzins. Um sich die dafür nötigen Guthaben bei der Zentralbank zu holen, nehmen Banken einen Kredit bei ihr auf, für den sie einen Zins zahlen. Diesen Leitzins kann die Zentralbank bestimmen. Setzt sie ihn herauf, dann holen sich die Banken weniger Zentralbankgeld für ihre Kredite.

Lässt sich die Geldexpansion so einschränken?

Nein. Unter den heutigen Bedingungen ist die Zentralbank nicht in der Lage, wirklich eine restriktive Geldpolitik zu verfolgen. Bei so geringen Reserven an Zentralbankgeld brauchen sich die Banken bei der Kreditvergabe kaum mehr um diese Reserven kümmern. Sie können vielmehr damit rechnen, dass ihnen die Zentralbank immer genügend Zentralbankgeld zur Verfügung stellt. Denn diese muss fürchten, dass eine Bremsung der Kredit- und Geldschöpfung zu Arbeitslosigkeit und zu Konkursen der Kreditnehmer führen könnte. Das will die Zentralbank nicht in Kauf nehmen.

Früher musste die Zentralbank ihr Geld in Gold einlösen. Sorgte diese Einlösungspflicht dafür, dass die Banken zurückhaltender mit Krediten umgingen?

Die Banken wussten damals, dass die Zentralbank ihnen nicht beliebig viel Zentralbankgeld zur Verfügung stellen würde. Es drohte immer die Erhöhung des Leitzinses für die Gewährung von Zentralbankkrediten. Die Banken mussten deswegen von vornherein darauf achten, nur so viel Kredite zu vergeben, als sie die zu erwartenden Zinserhöhungen ohne größere Schäden verkraften konnten.

Die letzten Reste der Einlösungspflicht verschwanden zu Beginn der Siebziger Jahre des letzten Jahrhunderts. Wie kam es dazu?

Man wollte das Wachstum des Sozialprodukts mit Hilfe von bleibend niedrigen Zinsen fördern. Das war der eine Grund. Der andere Grund war, es den Staaten zu ermöglichen, ihre Ausgaben über ihre Einnahmen hinaus zu erhöhen, also sich zu verschulden, was bei niedrigen Zinsen natürlich leichter ist.

Welche Folgen hatte der Wegfall der Golddeckung?

Die Zentralbank muss seitdem keine Rücksicht mehr darauf nehmen, dass es zu einem vermehrten Goldabfluss kommt und sie in Zahlungsschwierigkeiten geraten könnte. Sie ist vollkommen frei in der Schöpfung von Geld. Der Wegfall der Golddeckung hat einen unheilvollen Prozess in Gang gesetzt: Er erlaubt eine im Prinzip unbeschränkte Erhöhung der Geldmenge. Das Papier, in Form von Banknoten, ersetzt dabei das Gold, und die Giroguthaben bei den Banken ersetzen zu einem großen Teil die Banknoten. Man kann also sagen: Die gesamte Geldmenge wird aus dem Nichts, aus Papier und Buchungen geschaffen. Das ist zwar ein bisschen übertrieben, weil die Banken auch Betriebskosten haben. Aber der polnische Aphoristiker Stanislaw Jerzy Lec hat gesagt, "Übertreiben ist erlaubt, wenn es der Wahrheit dient."