Heute kommen also zwei Dinge zusammen: Die Effekte einer durch Klimawandel veränderten Umwelt und die zunehmende Unfähigkeit unseres Immunsystems auf Veränderungen zu reagieren.

Ja, es sind mehrere Faktoren: Einmal ändert sich die Umwelt und wird "aggressiver". Zum anderen fallen anscheinend viele schützende Faktoren weg. Es ist sicherlich nicht sinnvoll, jetzt anzufangen unser Immunsystem vermeintlich zu "trainieren", indem wir nicht mehr Hände waschen oder uns nicht impfen. Das ist gefährlich. Es geht vielmehr um die allgemeine Umgebung. Es geht um ganz einfache Dinge, etwa, dass Kinder tatsächlich auf dem Kinderspielplatz spielen, dass sie vielleicht mal beim Bauern sind usw. Eine solche Umwelt scheint günstig zu sein, um uns vor Allergien zu schützen. Ein anderer Faktor sind Antibiotika. Die Gabe von Antibiotika in einem frühen Lebensalter korreliert mit Allergien, insbesondere mit Nahrungsmittelallergien, da sich das Mikrobiom im Darm, auf den Schleimhäuten und auf der Haut durch die Antibiotika verringert. Es sind viele verbundene Faktoren, die dazu führen, dass wir am Ende eine Allergie haben. Man muss also vielen Schrauben drehen, um das Problem zu lösen.

Kann ich durch Exposition versuchen, mein Immunsystem zu regenerieren?

Nicht im Alleingang. Wenn Sie bereits eine Allergie haben, können Sie eine spezifische Immuntherapie machen, bei der die Allergene unter kontrollierten Bedingungen in steigenden Dosierungen verabreicht werden. Diese Therapie können Sie bei Pollenallergie ab Spätherbst machen, um für die nächste Saison gewappnet zu sein.

Bringt es für die Allergievermeidung etwas, über die Ernährung für ein vielfältiges Mikrobiom im Darm zu sorgen?

Eine gesunde Ernährung ist sicherlich sinnvoll. Skeptisch bin ich in Bezug auf Probiotika. Die kosten oft viel Geld, und man weiß eigentlich noch zu wenig über ihre Wirkung. Da ist es sicher ausreichend, alle paar Tage einen stichfesten einfachen Joghurt zu essen, wenn man sich mit biotischen Kulturen versorgen möchte. Allerdings ist das Mikrobiom sicher ein Schlüssel, um Allergien zu vermeiden und eventuell auch therapeutisch einzugreifen.

Nehmen durch die Umweltbelastungen auch andere immunologische Störungen wie etwa Neurodermitis zu? Besteht ein Zusammenhang mit den Allergien?

Die Neurodermitis gehört wie Asthma zu dem atopischen Formenkreis. Neurodermitis ist sehr wahrscheinlich aber keine Allergie. Jedoch führt Neurodermitis dazu, dass die Empfänglichkeit für Allergien steigt. Die Neurodermitis ist ja eine Barrierestörung der Haut und macht die Haut ebenso wie Umweltgifte durchlässig für Allergene. Wer Neurodermitis hat, hat auch eine um ein Vielfaches erhöhte Wahrscheinlichkeit, an einer Allergie zu erkranken. Mit einer zunehmend belasteten Umwelt steigt aber auch die Gefahr für alle Menschen, an einer Neurodermitis zu erkranken, auch noch in späteren Lebensjahren.