Bei genauerer Betrachtung bestehen wir nicht in erster Linie aus unseren Körperzellen, sondern vor allem aus den Mikroorganismen, die unseren Darm und unsere Haut besiedeln. Ihre Zahl übersteigt jene unserer Körperzellen um ein Vielfaches. Dieser Komplex bakteriellen Lebens heißt Mikrobiom, und es stellt sich mehr und mehr heraus, dass Gesundheit und Wohlbefinden ganz wesentlich von ihm abhängen. Auch unsere Herzgesundheit.

Das Mikrobiom scheint unsere Verbindung zwischen dem Darm und allen Organen in unserem Körper zu sein, auch dem Herzen. Über die Nahrung steuern wir, wie es den Bakterien des Mikrobioms so geht: "Die Bakterien essen gewissermaßen mit", sagt Thomas Lüscher. Der Kardiologe des Universitätsspitals Zürich ist vor allem an den Produkten interessiert, die bei diesem Mitessen der Bakterien im Darm entstehen und über das Blut in die Arterien gelangen. Lüscher hat kürzlich gemeinsam mit der Cleveland Clinic in den USA ein Abbauprodukt, den Metabolit TMAO, näher untersucht, um die Ursachen von Arteriosklerose besser zu verstehen. Ein vorläufiges Ergebnis: Wer erhöhte TMAO-Werte im Blut aufweist, hat ein erhöhtes Risiko für Arteriosklerose und damit Herzinfarkt. TMAO steht für Trimethylaminoxid. Es ist ein biochemisches Zwischenprodukt, das von den Darmbakterien beim Abbau von L-Carnitin, Cholin und Phosphatidylcholin hergestellt wird. Diese drei sind Bestandteile von rotem Fleisch, Eiern und Milchprodukten. TMAO begünstigt die Gerinnung an den Gefäßwänden und die Plaquebildung. Damit steigt das Risiko für einen Herzinfarkt. "Wir wissen bereits aus früheren Mausstudien, dass die Plaquebildung und die Anfälligkeit für koronare Herzerkrankungen bei Mäusen mit hohem TMAO-Spiegel stärker ausgeprägt sind. Jetzt haben wir erstmals einen guten Langzeitverlauf beim Menschen beobachten können," sagt der Kardiologie.

Das Mikrobiom

Wenn schädliches TMAO im Darm entsteht, führt dann der Heilungsweg ebenfalls über den Darm? Die Medizin weiß noch relativ wenig über unser im Durchschnitt 7,5 Meter lange Verdauungsorgan bzw. sein komplexes Innenleben. Das Mikrobiom ist erst seit wenige Jahren vermehrt im Fokus der medizinischen Aufmerksamkeit. "Wir tragen da etwas sehr Großes, Unbekanntes mit uns herum. Uns interessiert natürlich was da drin passiert", meint Christine Moissl-Eichinger von der MedUni Graz. Moissl-Eichinger ist mikrobielle Ökologin und Professorin für "Interactive Microbiome Research". Gesundheitsprobleme wie chronisch-entzündliche Darmerkrankungen, Adipositas oder Diabetes werden bereits mit einer veränderten Zusammensetzung des Mikrobioms in Verbindung gebracht. Sogar bei Autismus und Depressionen sucht man die Ursachen inzwischen im Darm. "Würden wir jedes Bakterium im Darm kennen, könnte man ziemlich genau sagen, was wir für die Gesundheit bräuchten. So weit sind wir aber noch lange nicht", sagt Moissl-Eichinger. "Wir verstehen zwar, dass sich die bakterielle Vielfalt und Zusammensetzung im Krankheitsfall verändert, aber wir schaffen es nicht, das Mikrobiom dann entsprechend zu manipulieren. Das wäre natürlich das Ziel."

Was heute schon gut funktioniert, ist das Aufpäppeln einer geschädigten Darmflora mit "guten Bakterien" wie dem Lactobazillus, einem Milchsäurebakterium. Langfristig ansiedeln können sich die Bakterien meistens aber nicht. "Die Mikroben wirken meist nur solange man sie einnimmt, nicht über den Zeitraum der Einahme hinaus", erklärt Moissl-Eichinger.

Darmbakterien können heilen

Ein gesundes Darmmikrobiom ist vielfältig und ausgeglichen. "Je größer die Diversität umso besser", meint Moissl-Eichinger. Im Krankheitsfall nimmt die Diversität ab, bestimmte Mikroben dominieren. "Microbiome follows Diet: Eine Ernährungsumstellung ist daher effektivste Präventivmaßnahme gegen Krankheiten." Pflanzliche Fasern seien generell eher gut für das Mikrobiom. "Das sehen wir an einem Boost der nützlichen Mikroben. Einseitige Nahrung ist dagegen eher schlecht", so die Mikrobiomforscherin. Fett und Zucker belasten das Mikrobiom ebenfalls.

Das Mikrobiom ist aber nicht allein durch die Ernährung veränderbar: Versuche mit Stuhltransplantationen, so genannten Mikrobiomtransplantationen, bei denen isolierte Bakterienstämme oder Stuhlproben von gesunden Probanden mit einer Sonde in den Darm kranker Menschen implantiert werden, brachten wegweisende Ergebnisse. Etwa bei Übergewicht, das ebenfalls durch das Mikrobiom beeinflusst wird. Mäuse wurden nach der Transplantation mit dem Mikrobiom eines dicken Menschen dick, nach der Transplantation der Mikrobiota eines dünnen Menschen aber auch wieder dünn.

Der Großteil des Mikrobioms ist angeboren bzw. wird es durch das Stillen mit Muttermilch aufgebaut. Ab dem Alter von drei Jahren bleibt das Mikrobiom stabil, bis zum 60. Lebensjahr. Danach verringert sich die Diversität etwas. "Auch seltene Antibiotikagaben oder eine Reise nach Indien verursachen keine gravierende, dauerhafte Änderung im Mikrobiom", so Moissl-Eichinger.